Die große Optimierungsmaschine

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Ich gestehe: Ich trage einen Fitness-Tracker. Und dabei habe ich doch so viel von Foucault gelesen! Wie kann ich nur?! Kollaboriere ich jetzt mit der weltweiten, kapitalistischen Optimierungsmaschine? Mache ich mich indirekt vielleicht sogar schuldig, dass wir in Zukunft nur noch Krankenversicherungen bekommen, wenn wir fünfmal die Woche zum Sport gehen, nicht rauchen, nicht trinken und nur noch vegan essen? Was hat das eine überhaupt mit dem anderen zu tun? 

Fitness-Tracker oder, genereller Wearables zu denen auch Smartwatches gehören, sind seit einiger Zeit die große Hoffnung der IT-Branche. Beinahe jeder hat mittlerweile ein Smartphone, einen Laptop sowieso und auch ein Tablet haben zumindest diejenigen, die eins möchten. Der Markt ist mehr oder weniger gesättigt. Hilft also nur eine weitere Produktkategorie. Hier kommt all das ins Spiel, was man direkt am Körper tragen kann: Uhren, Armbänder und ähnliches. Damit hat man dann etwas am Handgelenk, was je nach Produkt, Schritte zählt, den Puls misst, Handybenachrichtigungen anzeigt oder verbrauchte Kalorien berechnet. Ach ja – die Uhrzeit anzeigen geht auch noch.

Ob man das wirklich braucht? Klares Nein. Ob es dennoch Leute gibt, die das wollen? Klares Ja! Mich zum Beispiel. Das liegt in erster Linie daran, dass ich ein Technik und IT-begeisterter Mensch bin und es seit vielen Jahren ein Hobby von mir ist, mich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Andererseits bin ich Hobbysportler und sehe gern im Nachhinein was ich wie lang und mit welchem Erfolg getan hab. So viel zur Baseline meines persönlichen Interesses.

Wo liegt jetzt das Problem? Es liegt in der von Michel Foucault beschriebenen Biomacht[1], der wir alle tagtäglich ausgeliefert sind. Kurz gesagt, geht es dabei darum, dass sich die Effekte der Ausübung staatlicher Macht in uns hinein verlagern. Früher (z.B. Zur Zeit Karls des Großen) musste man sich an die Regeln und Gesetze halten, die der König gemacht hat. Wer das nicht tat, wurde bestraft. Was ich aber in meinem Haus getan hab oder, um noch eine Stufe weiter zu gehen, was ich mit meinem Körper getan hab, war herzlich egal. Ob ich dünn, fett, sportlich oder ein totaler Körperklaus bin, spielte keine Rolle.

Mittlerweile sieht das anders aus. Mittlerweile existieren mannigfaltige Einflüsse und Regulierungen auf unsere Körper. Zum einen im großen Maßstab über Geburtenkontrollen (z.B. VR China), Abtreibungsverbote und ähnliches. Zum anderen, und das halte ich für weitaus einflussreicher, sehen wir eine Vielzahl an kleinen Anstupsern (im Fachjargon Nudges genannt), sich gesünder zu leben, Reward-Programme für gesundes Verhalten usw. Das fängt bei Schockfotos auf Zigarettenschachteln an, geht über Bonusprogramme bei Krankenkassen, bis zu eben Fitness-Trackern, die mich dazu animieren, täglich 10.000 Schritte zu gehen.


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Die Befürchtung ist, dass wir uns selbst unserer Freiheit berauben, indem wir immer mehr dieser „freiwilligen“ Anstöße in unser Leben lassen und uns ihnen immer mehr ausliefern. Sei es durch monetäre Anreize, sei es durch sozialen Druck: „Wie? Du rauchst? Das ist doch völlig unverantwortlich!“ Oder: „Du trägst keinen Fitness-Tracker? Also mir wäre das ja nichts, ich hab gern meine täglichen Kalorien im Blick.“ Sicherlich sind solche Sätze noch selten zu hören. Blicken wir aber mal über den großen Teich, sehen wir, dass diese Selbstoptimierungswelle in den USA schon viel etablierter und fortgeschrittener ist. Es würde mich wundern, wenn sich dieser Trend in Deustchland nicht noch stärker durchsetzt, als er es sowieso schon getan hat.

Ich verstehe beide Seiten. Es macht Spaß seinen sportlichen Fortschritt mitzuverfolgen, es motiviert enorm. Gleichzeitig öffnet es Tür und Tor für alle Arten der externen Regulierung unserer Körper. Was machen wir, wenn aus freiwilligen Reward-Programmen bei Krankenkassen, Pflichtbedingungen werden? „Guten Tag Herr Schaller, ihre Krankenkasse hier. Ihre Fitnessdaten zeigen uns, dass sie im letzten Monat nur zwei Mal Sport gemacht haben. Wir stufen Sie daher in den nächsthöheren Tarif.“

Keine besonders schöne Vorstellung. Von weiteren Risiken, die sich aus der Digitalisierung von Gesundheitsdaten ergeben (Stichwort Datendiebstahl), ist dabei noch gar nicht die Rede.

Wie diesem Dilemma zu begegnen ist, weiß ich auch nicht. Ich bin mir aber sehr sicher, dass ein sich Verschließen vor neuer Technologie noch nie ein praktikabler oder guter Weg war. Es gibt immer Menschen, die dem ganzen unkritisch gegenüber stehen, im Normalfall ist es sogar die große Mehrheit. Fitness-Tracker und ähnliches sind längst im Leben vieler Menschen angekommen und das wird sich auch nicht mehr ändern. Es kann deshalb in meinen Augen nur darum gehen, die negativen Auswirkungen zu begrenzen.

Wir müssen öffentlich über die Gefahren sprechen und uns mit dem Regulierungspotential auseinandersetzen. Wir müssen darauf drängen, dass technische Lösungen entwickelt werden, die private Gesundheitsdaten privat sein lassen. Wir müssen über diese öffentlichen Diskussionen für eine kritischere Haltung sorgen. Und wir sollten bei uns selbst anfangen und das ganze nicht so ernst nehmen. Es ist toll, sich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu machen, da es einer der kürzesten und einfachsten Wege zu mehr Lebensqualität ist. Es ist aber auch toll, ein Stück Kuchen zu essen, auf einer Party mal richtig über die Stränge zu schlagen oder einfach nur faul zu sein. Selbstoptimierung sollte nie Selbstzweck sein – sonst vergisst man zu leben.


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[1] Wer sich ausführlicher mit Foucaults Konzept beschäftigen möchte, findet auf Wikipedia einen guten Startpunkt. Auch empfehlenswert ist der kurze Text von Jens Knipp.

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