Nach Paris, Beirut und Brüssel

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Zugegeben war meine erste Reaktion auf die Anschläge in Paris drastisch (siehe hier). Das sollte sie auch sein: kontrovers, harsch und anders. Ich rief nicht generell nach Vergeltung, sondern skizzierte, wie es aussähe, gehe man nach israelischem Vorbild vor. Die Kritik daran war einerseits, dass man in Deutschland schießwütige Cowboys hätte und andererseits, dass ich die Prävention vernachlässige. Die späte Antwort auf meine Kritiker.

Dafür soll hier nun der Ort sein. Es bedarf mehr Jugendclubs in diesem Land, ebenfalls einer angemessenen finanziellen Ausstattung dieser Einrichtungen, um den Jugendlichen auch etwas bieten zu können. Weitere Programme zur Unterstützung sind aufzulegen und deutlich mehr Streetworker anzustellen. Insbesondere in Gegenden wo soziale Probleme ihren Ursprung nehmen, also in Großstädten, Ballungsgebieten und auch in vernachlässigten ländlichen Gegenden. Eine Aufgabe, die im gegenwärtigen System der Staat erfüllen müsste, an seiner Seite würde dann auch die Wohlfahrts- und Jugendverbände stehen.

Sollte ein solch komplexes System entstehen, könnte sicherlich nachhaltig der soziale Friede gewahrt bleiben.

Radikalen Ideologien, Fundamentalismus und menschenfeindliche Einstellungen wird diese staatliche Fürsorge allerdings nicht verschwinden lassen. Dies wäre eine naive Annahme – eindämmen könnte man sicher so manches, aber Ursachen werden damit nicht bekämpft. Es scheint zumindest, dass die Ursachen einerseits in sozialer Benachteiligung liegen und diese verschwinden nicht durch Sozialarbeiter, sondern die bestehenden Verhältnisse des Kapitalismus bringen immer wieder Ungerechtigkeiten hervor, gegen die sich Menschen wehren, einige davon mit der Entwicklung und Hinwendung zu einer zerstörerischen Idee. Dabei sollte bedacht werden, dass Salafismus und die Strömungen um die Muslimbrüder keine vormodernen Phänomene sind, die nur der Aufklärung bedürfen, sondern diese Bewegungen und Denkrichtungen entstammen der Moderne und konnten nur durch sie entstehen, sie sind nach-aufklärerisch und dennoch antimodern, aber nur insoweit, dass sie bestimmte (zum Teil westliche) Schlussfolgerungen ablehnen. Moderne Kommunikation benutzen sie dennoch, genauso wie moderne Methoden des Tötens.

Damit wird auch klar, dass zwar viele junge Menschen davon abgehalten werden könnten, sich diesen Gruppen anzuschließen, die Ursachen dieses Denkens wird damit allerdings nicht bekämpft. (Gleiches gilt im Übrigen auch für christliche und jüdische „Fundamentalisten“, doch die sind hier nicht im Fokus, sollten aber nicht vergessen werden.)

Damit scheint es mir, dass es mit Prävention allein nicht getan ist. Es steht außer Frage, dass zu wenig getan wird, um Menschen davon abzuhalten sich zu radikalisieren und gewalttätig zu werden. Doch haben wir für viele Menschen diese Prävention verpasst, heißt das dann, wir sollen uns von denen abknallen oder in die Luft sprengen lassen? Denn der fokussierte Ruf nach Prävention lässt all jene aus ihrer Rechnung, die schon soweit sind, Menschen zu töten, die schon an der Seite von Da’esh oder der Al-Nusra Front kämpfen. Ich frage meine Kritiker daher auch: Was tun mit diesen Menschen? Und wie einen Anschlag stoppen, wenn dieser im Gange ist?

8 KOMMENTARE

  1. Was tun mit diesen Menschen? Auf keinen Fall so tun, als handle es sich hier um Gruppengebilde, die einer speziellen – außerhalb des Rechtsstaats liegenden – „Behandlung“ bedürften. Der Prozess, der Menschen zu dem werden lässt, was Oliver Roy in einem Artikel – http://bit.ly/267h6hy – als die neue Lust am Töten bezeichnet ist ein gesellschaftliches Problem und keins was sich irgendwie aus dieser extrahieren ließe. Das Grundproblem besteht gewiss in den Unsicherheiten, die der gegenwärtige Kapitalismus produziert. Immanuel Wallerstein spricht hoffnungsvoll von einer historischen Übergangsphase in der die Welt gerade steckt. Hoffnungsvoll, weil er terroristischen Eruptionen und zusehnds autoritären Reaktion darauf nicht die Oberhand überlassen will, sondern auf Akteure setzt, die jetzt die Chance ergreifen, um ein anderes Miteinander zu leben und zu formen. Wie das genau aussieht kann keiner sagen, da sind wir, jede_r für sich selbst und in den Netzwerken, in denen wir uns bewegen selbst für verantwortlich. Ferner würde ich Jugendarbeit nicht als Fürsorge bezeichnen, das wären eher Tafeln und sonstige caritätischen Dienste. Bei offener Jugendarbeit geht es um Akzeptanz, Respekt und um den Freiraum, den junge Menschen brauchen, um herauszufinden wer sie sind, wohin sie wollen und welchen Weg sie in der unübersichtlicher gewordenen Welt einschlagen wollen. Es geht darum Resignation aufzufangen und andere Möglichkeiten und Perspektiven zu eröffnen und aufzuzeigen… Im Optimalfall mit der Folge, dass sich junge Menschen eben nicht abwenden, sondern ihr Leben wieder in die eigene Hand nehmen wollen und evtl. eines Tages feststellen, dass es gut sein kann gemeinsam mit anderen für Anerkennung und gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen.

  2. Lieben Dank für Deinen Kommentar, du greifst wichtige Punkte auf, die den Artikel ergänzen und auch hinterfragen. Danke dafür.
    Ich denke allerdings nicht, dass ich hier ein „Gruppengebilde“ konstruiere, dass außerhalb des Rechtsstaat „zu behandeln“ wäre. Mir scheint es, dass du mit Gruppengebilde den Begriff der Terroristen meinst? Und mit „Behandlung“ jemanden zu töten? Mir wird dabei nicht klar, wie rechtsstaatliche Mittel aussehen, wenn eine Person gerade auf andere schießt, um sie zu töten. Rechtsstaatlich dürfen alle Nothilfe leisten, dies schließt meiner Meinung nach auch das Töten des Angreifers ein.
    Ich glaube, hier ist es wo unsere Meinungen tatsächlich auseinandergehen, denn ich stimme dir in allem zu, was Prävention, Jugendarbeit etc. angeht. Doch ich frage mich, was derweil zu tun ist? Natürlich geht es darum, anders zu leben und sich anders verhalten, jetzt. Doch dies hilft mir nicht, wenn ich Opfer eines terroristischen Angriffs werde, klar ist mir aber auch, dass mein Vorschlag bewaffneter Sicherheitskräfte in die Kategorie der autoritären Reaktionen gehört. Doch muss ich es einfach hinnehmen, dass Menschen die töten wollen, töten? Darüber werde ich noch nachdenken müssen.
    Zur offenen Jugendarbeit: Ich stimme dir zu, dass es so sein sollte, wie du es beschreibst. Die Realität sind oft leider anders aus, dennoch hast du recht. Aber, es fällt dennoch unter die staatliche Fürsorgepflicht, denn die offene Jugendarbeit, wie generell die Soziale Arbeit, sichert den sozialen Frieden und ist eine notwendige Institution kapitalistischer Strukturen in der heutigen Welt. Der Widerspruch ist mir bewusst, aber hier denke ich, müssen wir mit dem Widerspruch leben.
    Ich freue mich auf die nächste Antwort.

  3. Mit „Behandlung“ meinte ich Folterpraktiken, welche „Exportdemokratien“ angewendet haben und anwenden, siehe Abu Ghraib oder Guantanamo und die nach 09/11 überall auf der Welt erlassenen „Terrorerlasse“, die Abweichungen vom bis dato gegoltenen Rechtssystem zur Regel gemacht haben. Die von diesen Erlassen Betroffenen, Eingekerkerten, Gefolterten und Getöteten gehören unterschiedlichsten Gruppen an, je nachdem wen die jeweilige Regierung, gerade als terrorverdächtig einstuft. In Mexico sind es aufmüpfige Bevölkerungsminderheiten, wie beispielsweise in Oaxaca oder Chiapas, in Indien sieht es schon wieder ganz anders aus und so könnte man eine lange Liste erstellen, die für jedes Land unterschiedliche Terrorgruppen auflistet. Womit ich wieder zu dem Punkt komme, dass wir ständig mit Abwehrkämpfen gegen immer wieder aufs Neue als „Lösung“ präsentierte „Sicherheitspakete“ beschäftigt sind, wenn überhaupt, weil wir so schnell gar nicht mehr hinterherkommen.

    Aber um Deine zentrale Frage nicht zu übergehen, ob es hinzunehmen ist, sich einfach „abknallen oder in die Luft sprengen“ zu lassen, kann ich für mich nur sagen, dass dies der Kollateralschaden postkolonialer Gewaltverhältnisse zu sein scheint, mit dem wir leider umgehen müssen und wiederum aus ganz anderen Gründen auf junge Menschen anziehend wirkt. Wenn Du nicht gerade zufällig die Möglichkeit haben solltest in ein Privatjet zu steigen, kein gepanzertes Auto hast oder eine Horde Bodyguards um Dich rum, fällt mir wieder nichts Besseres ein, als auf schon Gesagtes zu verweisen. Wir sind mit der Herausforderung konfrontiert gleichzeitig sogenannte „Lösungen“ für die Kollateralschäden zu bekämpfen und damit zu beginnen eine andere, solidarische Gesellschaft zu leben. Die Frage ist aber doch auch, wer am wenigsten unter den Konsequenzen zu leiden hat, die Kriege, Antiterrormaßen, Sicherheiten, die es angeblich am Hindukusch zu verteidigen gilt und deren nicht intendierte Folgen, verursachen. Führende Minister_innen und Staatschef_innen interessieren die Konsequenzen jedenfalls oft einen Scheißdreck.

    Und, um noch einmal auf „Offene Jugendarbeit“ als eine von vielen Möglichkeiten zu sprechen zu kommen, so ist Soziale Arbeit immer in der Zwickmühle auf staatliche Gelder angewiesen zu sein und gleichzeitig dem „Staat“ (wer auch immer das sein soll?) die Probleme vom Hals zu schaffen. Es ist aber doch letztendlich immer noch Sache der Sozialarbeitenden mit den Geldern, mal mehr, mal weniger Unfug anzustellen. Wie es in anderen Bereichen auch der Fall ist, sind bei den Sozialarbeitenden auch mal mehr mal weniger engagierte Menschen am Werke, die neben der eigentlichen Arbeit, oftmals nicht mehr die Kraft oder den Willen haben gegen ständige Kürzungen und Schließungen anzugehen, fehlende Solidarisierungen anderer Gruppen tun oft ihr Übriges. Man kann also von der Abschaffung des Kapitalismus schwadronieren oder ihn als eine mögliche Ursache benennen, aber naiv wäre doch, es bei diesen Feststellungen zu belassen und die immer krasser werdenden Folgen zu beklagen ohne Freiräume im weitesten Sinne als Zwischenschritte auf dem Weg dahin zu schaffen und zu verteidigen. Als Freiräume versteh ich u.a. auch (selbstverwaltete) Jugendzentren und „Offene Jugendarbeit“ im Allgemeinen in Abgrenzung zur „Jugendhilfe“ oder Bewährungshilfe als ein spezielles Feld der Jugendhilfe, aber eben nicht der „Offenen Jugendarbeit“, die von Gesetz wegen viel weniger Spielraum für Variationen haben, und in Abgrenzung davon, was Du evtl. eher vor Augen hast. Im Übrigen liegt der Fokus der Förderung schon länger auf Projekten, deren „Dienstleistungskatalog“ eher die polizeilichen Aufgaben nennt und abdeckt. Die Projekte, die sich hartnäckig den als notwendig verkauften Vergleichbarkeitsinstrumenten im Konkurrenzkampf der freien Träger untereinander verwehren, gehen am Ende leer aus, obwohl sie ihren Schwerpunkt in der Förderung emanzipatorischer Einstellungen und Werte sehen.

  4. Um die Perspektive auf Attentate zu erweitern, möchte ich ferner noch die Frage in den Raum stellen, ob ein Vergleich der lokal sich jeweils unterscheidenden Begebenheiten und Ziele, gegen die sich die Attentate in der Geschichte und Gegenwart richte(te)n, einen geeigneteren Erklärungsrahmen liefern kann, als der verengte Blick auf das fehlende „Soziale“ – wie bisher von mir fokussiert. Gibt es eventuell mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen der „Propaganda der Tat“, wie sie von russischen Anarchisten bereits Ende des 19. Jahrhunderts propagiert wurde, politisch motivierten Selbstmordanschlägen kurdischer Kämpfer_innen und religiös motivierten Selbstmordanschlägen? Folgender Text von Lorenz Graitl liefert mitunter die eine oder andere Anregung zur Reflexion: „The dead do not lie“: on the meaning of death in politically motivated suicide in 20th and 21st centuries. http://bit.ly/1s5gJEE

    • Wir sind nun abgekommen, vom eigentlichen Thema hin zu sogenannten Attentaten und Terrorismus (was ist das?) im Allgemeinen.
      Zu dem empfohlenen Artikel: Ich halte es einerseits für problematisch Selbsttötungen und Morde zu vermengen und analytisch gleich zu behandeln (zugegeben, es ist eine persönliche Frage, viel mehr nachdenken konnte ich darüber noch nicht). Andererseits gab es bei den Anschlägen, über die im Artikel gesprochen wurde (zumindest die in Paris) vorrangig keine Selbstmordanschläge, sondern mehr oder weniger gezielte Tötungen durch Bomben und Gewehre. Somit erschließt sich mir der Zusammenhang nicht ganz.
      Da Du anscheinend an diesem Thema interessiert bist, möchte ich Dich einladen, doch mal Deine Gedanken, die du in den Kommentaren eingebracht hast, zusammenzunehmen, sie aufzuschreiben und in einen konsistenten Text bringst, wir würden ihn gerne bei undogmatisch veröffentlichen.

      Die Propaganda der Tat ist übrigens ein Konzept das auf mindestens zweierlei Arten verstanden wurde und auch in der anarchistischen Szene umstritten war. Ich meine damit das Töten von Repräsentanten der Macht (1) auf der einen und das Vorleben und die Umsetzung anarchistischer Ideen (2) auf der anderen Seite.
      Da viele Anarchisten auch Pazifisten waren, stieß die terroristische Art der Propaganda der Tat auch auf Ablehnung. Ein Beispiel wäre Gustav Landauer, der sich klar dagegen positionierte.

      • Bevor ich mich daran mache ‘nen Text zu verfassen, was ich grundsätzlich eine gute Idee finde, noch ein, zwei kurze Bemerkungen vorweg: Sicher obliegt die Definition von Terror meist den Herrschenden und wird demnach beliebig auf unterschiedlichste Sachverhalte angewendet und ist somit auf den ersten Blick ungeeignet. Ich verwende das Wort dennoch, weil die Ereignisse (Paris, Beirut und Brüssel) mit Entsetzen aufgenommen wurden und dies von denjenigen, die die gezielten Tötungen – dennoch relativ wahllos – durchgeführt haben und denjenigen in dessen Namen getötet wurde, auch so beabsichtigt war. Über das Wort Attentate könnte man streiten, aber diejenigen, die sie durchführen, begehen sie doch letztendlich aus einer bestimmten Überzeugung. Diese Motivation ist die Gemeinsamkeit aller Anschläge im weitesten Sinne. Wie Du in dem älteren der beiden Artikel schreibst, sind dir die „Beweggründe von Terroristen … auch egal“. Dies ist vielleicht der Grund dafür, warum sich dir der Zusammenhang nicht erschließt. Mir geht es – zumindest in meinem letzten Kommentar mit dem Verweis auf den Graitl-Text – um nichts anderes. Eine Einengung auf religiös [(noch enger auf den Islam (welchen?)] motivierte Anschläge führt meiner Meinung nach hingegen eher zu Erkenntnisverlust als zu Gewinn, wobei die Frage, warum und wieso in heutigen Zeiten gerade solch eine Propaganda eine so enorme Anziehungskraft besitzt, die für bedingungslose Unterordnung bis hin zur völligen Aufgabe von Freiheit steht, dennoch interessant ist.

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