Unterwerfung – Eine Betrachtung zu Michel Houellebecqs neuestem Buch

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Unterwerfung ist nicht Houellebecqs schlechtestes Buch. Sein bestes ist es allerdings auch nicht. Eine assoziative Rezension von Sebastian Kunze

Plattform habe ich nicht zu Ende gelesen, das Thema des thailändischen Sextourismus hat mich zu wenig angesprochen, als dass ich dabeiblieb. Ebenso haben mich die Hauptcharaktere nicht gerade in ihren Bann gezogen. Ganz anders sein Buch Karte und Gebiet. Nach allem was ich von Houellebecq gelesen habe, hat bei diesem Buch ein Kommentar auf dem Buchrücken recht: Es ist Houellebecqs bestes Buch. Seine Beschreibungen des Kunstmarktes, seine Entwürfe für Arbeiten zeitgenössischer bildender Kunst und besonders die Chuzpe sich selbst nicht nur auftreten, sondern auch gleich ermorden zu lassen, habe ich sehr gemocht und ich kann dieses Buch nur empfehlen. Am liebsten würde ich auch dieses Buch rezensieren, doch die Veröffentlichung von Unterwerfung in der zeitlichen Nähe zum Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und Houellebecqs medienwirksames untertauchen ließ die Feuilletons kontrovers über dieses Buch streiten.

In seinem neuesten Buch erzählt Houellebecq vom jungen Literaturwissenschaftler François, der an der Pariser Universität promoviert. Sein Thema ist das Werk des konservativen Schriftsteller Joris-Karl Huysmans. Francois hat wechselnde Beziehungen zu jüngeren Frauen und interessiert sich nicht für Politik. Er lebt im Paris des Jahres 2022 und es sind Präsidentschaftswahlen. Die extreme Rechte und die Identitäre Bewegung heizen die Stimmung an, da es einen aussichtsreichen Kandidaten der Islamischen Partei gibt. Es kommt wie es kommen muss, der islamische Kandidat gewinnt, weil die Sozialisten sich auf seine Seite geschlagen haben. Daraufhin kommt es zu von beiden Seiten provozierten, bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Paris. Der Hauptcharakter interessiert sich dafür nicht und verlässt für einige Zeit Paris. Bei seiner Rückkehr ist die Universität geschlossen. Als sie wieder aufmacht, heißt sie Islamische Universität und wird massiv finanziell aus der Golfregion gefördert. Den Dozierenden wird nahe gelegt zum Islam überzutreten. Auch François wird gefragt und man bietet ihm die ersehnte Professur an. Gesellschaftlich verändert sich Frankreich rasend schnell, bei seinen Kollegen ist es nun angesagt mehrere Frauen zu haben. Das Buch endet opportun: François greift zu. Die Verlockungen der Professur sowie mehrere Frauen zu haben lässt ihn schwach werden und er tritt feierlich zum Islam über.

Leser von Houellebecqs anderen Büchern sollte die Abwertung von Frauen, Feministinnen und Muslimen nicht wahnsinnig überraschen. Auch wenn es nur in Nebensätzen oder Andeutungen war, habe ich solche pejorativen Bemerkungen in allen Büchern Houellebecqs gefunden, die ich gelesen habe. Diese Bemerkungen waren zumeist nur Randbemerkungen, in einem 3-400 Seiten starken Buch, fallen die zwei Nebensätze wenig ins Gewicht – doch sie waren da. Unterwerfung bündelt dies nun. Doch ich möchte hier den Fokus auf etwas Anderes legen.

Houellebecq kritisiert in seinem Buch nicht den Islam als Religion oder Muslime, sie dienen ihm nur als Werkzeug, bei seiner Kritik an öffentlichen Personen, die er wahrscheinlich Links-Intellektuelle nennen würde. Besonders versucht er deren Kulturrelativismus und ihre nach außen getragene Toleranz so zu überspitzen, bis er diese Gruppe mit ihren ehernsten Tugenden kritisieren kann.

Von Houellebecq kann man halten was man will, aber ganz blöd ist er nicht, deshalb kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen, dass er so unfähig ist, an ein so unrealistisches Szenario wirklich zu glauben. Daraus spricht eine Unkenntnis der politischen und kulturellen Tradition Frankreichs, die Houellebecq einfach nicht haben kann. Geringe Kenntnisse des politischen Systems wie sie aus seinem Buch sprechen möglicherweise schon. Doch ich denke, der Schriftsteller vernachlässigt diese Dinge zugunsten seiner eigentlichen Kritik. Deshalb bezieht er in seiner skizzierten Zukunft nicht Stellung gegen Muslime, sondern er benutzt dieses Szenario, um die heutige Politik der linken Regierung zu kritisieren, die ihm zu offen, zu relativistisch ist und in letzter Konsequenz offenbart Houellebecqs Versuchsanordnung, dass in seinem Kopf, die kritisierten Intellektuellen keine Identität haben und damit auch keinen eigenen Standpunkt. Somit können sie sich ohne Probleme und Widerstände opportunistisch unterwerfen.

Das Topoi der nicht vorhandenen oder verlorenen Identität ist mittlerweile bekannt. In Deutschland findet dieses Thema aus konservativen Kreisen und der Neuen Rechten immer wieder Eingang in die Debatte um Geflüchtete. Besonders im Subtext dominiert dieses Motiv den gesamten Diskurs Geflüchtete in der Bundesrepublik – ein Erfolg für die Neue Rechte.

Identität wird hier wieder „ethnisch-kulturell“ definiert und mit einem exklusiven deutschen Nationalismus verbunden. Das heißt in der Konsequenz, dass nur diejenigen Deutsche sind, die die Neue Rechte als ethnisch korrekt begreift. Wer das außer ihnen ist, ist nicht ganz klar – weiß müssen diese Menschen in jedem Fall sein. Dieser Rückgriff auf Konzepte von Nationalismus aus dem späten 19. Jahrhundert sollte uns dafür sensibilisieren, wohin die Reise gehen kann. Klar herausgestellt werden konnte in der Geschichtswissenschaft wie der deutsche Nationalismus beschaffen war und dass er sich weiter radikalisierte. Kurz gesagt: In Deutschland war Nationalismus ausschließend (wie alle Blut-und-Boden-Nationalismen), er verband sich zusehends allerdings auch mit antisemitischen Positionen. Letztere standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann neben einem Anti-Franzosentum und einem Englandhass.

Aus dieser historischen Erfahrung und Erkenntnis könnte die bundesrepublikanische Debatte etwas lernen, nämlich vorsichtiger zu sein. Vorsichtig in der exklusiven Definition der Nation und vorsichtig, womit sich der Nationalismus in Deutschland verbindet. Antisemitismus ist noch immer weit verbreitet, doch zunehmend und immer stärker wird ein muslimisches Anderes konstruiert. Hier ist also Vorsicht und Widerstand geboten.

Nun steht die berechtigte Frage im Raum, was diese Ausführungen mit Houellebecqs Buch zu tun haben. Ich denke, dass Houellebecq diesen Identitätstopos als Antriebskraft seines Buches benutzt. Es liegt auch nicht sehr fern, da sich Houellebecq selbst als konservativ versteht und dies für ihn ein Problem darstellt. Diesem Topos ist es ebenfalls zu verdanken, dass das Buch so reißenden Absatz in Deutschland gefunden hat und zeigt uns, dass die Neue Rechte schon weit mehr Einfluss auf den politischen Diskurs der Bundesrepublik ausgeübt hat, als sich die Parteien und Intellektuellen eingestehen wollen.

Daher bleibt von Houellebecqs Kritik an den linken Intellektuellen oder den Mainstream-Intellektuellen nicht viel übrig in der deutschen Rezeption, doch gerade hier ist das Buch sehr spannend und lehrsam. Es geht tatsächlich darum einen Standpunkt einzunehmen und noch viel mehr geht es darum, diesen zu verteidigen. Hier versagen die Eliten, die gesellschaftlichen Verbände, die Intellektuellen. Bis heute.

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