Wenn Deutschland plötzlich zu Ende ist

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Neulich unterhielt ich mich mit einem guten Freund. Er lebt wie ich in Berlin. Anders als ich in einem Teil Berlins mit eher wenig Biodeutschen – also weiß, deutsche Staatsbürgerschaft, ohne direkte Migrationsgeschichte. Stattdessen werden die Straßen des Kiezes von Menschen mit türkischen, palästinensischen oder anderen, im weitesten Sinne arabischen Wurzeln bevölkert.

Ich schätze diesen Freund als sehr reflektierte, weltoffene Person ein, weswegen ich ein bisschen länger über unser Gespräch nachdenken musste, als es bei einem Wildfremden gewesen wäre. Stein des Anstoßes war seine Äußerung, dass es schon komisch (oder war es unschön? Ich hab den genauen Wortlaut leider vergessen) ist, wenn man im Bus nicht mehr verstanden wird, weil alle Menschen um dich rum kein Deutsch sprechen. Und das mitten in Deutschland.

Er gab sich große Mühe keine rechtspopulistischen Sprüche zu bedienen, weil er auch schlicht nicht so denkt. Trotzdem hing eine Phrase wie ein Damoklesschwert über der Unterhaltung: Fremd im eigenen Land

Ich überlegte ein wenig wie ich dieses Gefühl einordnen sollte. Letztendlich glaube ich, dass man sich dem Thema am besten nähert, wenn man über die Identität eines Ortes nachdenkt. Das klingt erst mal furchtbar akademisch und weltfremd, ist es aber gar nicht.

Wenn ich beispielsweise Berlin-Neukölln als Teil einer deutschen Stadt sehe, als deutschen Stadtteil, kurz als Teil Deutschlands (der er geografisch, rechtlich und politisch zweifelsohne ist), dann werde ich mich womöglich wundern, dass man dort sehr viele arabische Ladenschilder sieht und an jeder Ecke arabisch zu hören ist bzw. die Baklava-Geschäfte klar in der Überzahl gegenüber traditionell deutschen Bäckereien sind. Und dann wird es mir vielleicht auch sauer aufstoßen, wenn ich im Bus nicht mehr verstanden werde. Zumindest aber werde ich mich darüber wundern.

Der springende Punkt für mich ist aber, dass Kreuzberg oder Neukölln nicht, oder zumindest nicht in erster Linie, deutsche Stadtteile sind. Genauso wenig ist Berlin im Ganzen mittlerweile eine deutsche Stadt. Berlin ist eine globale Stadt, eine Weltstadt und diese funktionieren nun mal anders.


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Es ist in meinen Augen völlig normal, dass es hier Viertel gibt, in denen Deutsch nicht die dominierende Sprache ist, eben weil das in jeder Weltstadt so ist. Wer hat noch nie von China Town oder Little Odessa in New York gehört? Als ich China Town vor einigen Jahren besuchte, sah ich auch nicht gerade viele Reklametafeln in englischer Sprache. Dafür sehr, sehr viele in Chinesisch und anderen asiatischen Sprachen.

Dass sich Communities bilden (um mal den belasteten Begriff der Parallelgesellschaft zu vermeiden), erscheint mir als das normalste auf der Welt in Großstädten. Natürlich zieht man da hin, wo schon Menschen wohnen, die so sind wie man selbst. Ein Problem wird daraus erst, wenn die Mehrzahl der Menschen durch äußere Faktoren daran gehindert wird, woanders hinzuziehen und andere Wege zu gehen.

Und natürlich kann man sich da fremd fühlen. Aber eben – symbolisch gesprochen – nicht im eigenen Land, da man in meinen Augen eben (symbolisch) nicht mehr im eigenen Land ist. Dieser Umstand ist aber weder tragisch noch ungewöhnlich, sondern völlig normal und überall auf der Welt zu beobachten.

Einen größeren Trend kann ich darüber hinaus auch beim besten Willen nicht erkennen. Das türkische Viertel Dresdens muss mir mal jemand zeigen. Auch von einem syrischen Kiez in Regensburg habe ich noch nichts gehört.

Eine völlig andere Frage wäre die nach der Verfestigung sozialer Strukturen und daraus entstehenden sozialen Problemen wie Armut oder Kriminalität. Das aber steht auf einem anderen Blatt.

Wenn also in Zukunft jemand zu mir sagt, dass er oder sie sich manchmal fremd im eigenen Land fühlt, werde ich antworten: Sicher, dass du noch in Deutschland warst?


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2 KOMMENTARE

  1. Ursache dieses Gefühls der Entfremdung, wie schon Brecht sie beschrieb, ist meiner Meinung eher ein stetiger Wandel. Unserer technologischer Fortschritt ist weitaus schneller als unsere gesellschaftliche Entwicklung. Dazu gibt es einen interessanten Artikel in der FAZ. Dort wird vor allem die rasante Entwicklung in bestimmten Kiezen ins Visier genommen.

    „Sucht man mit den Mitteln soziologischer Analyse nach möglichen Ursachen für Entfremdungserfahrungen und für deren Kristallisation im Osten der Republik, dann stößt man auf drei komplementäre Erklärungen. Erstens: Fremd im eigenen Land, in der eigenen Stadt fühlen sich nicht selten ältere Mitbürger. Das ist nicht verwunderlich. Moderne Stadtlandschaften ändern rasch ihr Erscheinungsbild und ihren Charakter. Ganze Stadtviertel verschwinden. Das alte Café hat geschlossen, Starbucks ist eingezogen. Das neue Parkleitsystem ist verwirrend. Die Telefonzellen sind nicht mehr da. Die englische Sprache ist allgegenwärtig geworden – wer sie nicht spricht, kann sich vor manchem Schaufenster fremd fühlen. Die Techniken und Praktiken des Bezahlens, der Toilettenbenutzung, der Kundenberatung, des Fahrkartenkaufs und so weiter – sie alle haben oft nur wenige Monate Bestand.“

    http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/jeder-5-deutsche-fuehlt-sich-fremd-im-eigenen-land-13546960.html

    • Danke für den spannenden Lektürehinweis! Und ja, ich teile Ihre Sichtweise. Es ist das alte Problem der Philosophie/politischen Theorie. Sie kommt eben immer erst danach – wenn Technik und Lebenswelt schon viel weiter sind.

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