Was zu tun ist nach Paris – Ein persönlicher Zwischenruf

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Die Bilanz: Rund 130 Tote und hunderte die zum Teil noch immer schwer verletzt sind. Damit  sind dies die bisher blutigsten Terroranschläge bisher in Frankreich. Doch gerade in den letzten Jahren gab es immer wieder Anschläge und ich meine nun nicht das berüchtigte Charlie Hebdo-Attentat, sondern die kleinen, dadurch aber nicht weniger schlimmen Schüsse auf Synagogen und Angriffe auf Menschen, die als Jüdisch identifizierbar waren.

Der nachfolgende Text wurde unter den Eindrücken der Attentate in Paris am 13.11.15 noch am selben Abend geschrieben und danach nur noch leicht überarbeitet.

Die Reaktion aus der Politik waren klar formuliert, wir bomben jetzt noch etwas mehr und die Sicherheitsorgane, d.h. Polizei und Geheimdienste brauchen noch mehr Befugnisse. Doch bleiben wir vorerst gedanklich in Paris.

Der Abend war für mich persönlich surreal. Einen Tag zuvor brachte ich meine Schwester zum Flughafen, von wo sie in den Urlaub flog. Mein Schwager und meine Nichte blieben zu Hause. Wieso das wichtig ist? Sie wohnen in Paris. Entsprechend groß war die Aufregung in unserer Familie als die ersten Nachrichten des Blutbads durch den Äther gingen. Nach einiger Zeit hieß es aufatmen, beiden ist nichts passiert. Sie haben es selbst erst später aus den Nachrichten erfahren, das Ereignis geradezu verschlafen. Ein Glück.

Der jetzige Ruf nach mehr Befugnissen ist die logische Konsequenz des derzeitigen Sicherheitsfetischs unserer Zeit nach dem 11. September. Doch die Massenüberwachung schützt uns nicht. Wir haben es gerade gesehen in Paris. Und in Frankreich existiert die Möglichkeit einer fast lückenlosen Überwachung. Nun wird gern argumentiert, dass die Massenüberwachung uns dann eben bei der Aufklärung hilft. Das ist wahrscheinlich richtig. Sehr schnell wussten die Sicherheitsbehörden wer der Organisator der Anschläge war. Doch wie wirkungsvoll ist die Massenüberwachung und vor allem, wie verhältnismäßig ist sie? Können wir sie rechtfertigen; unsere Freiheit für unsere Sicherheit? Seit wann stehen diese sich eigentlich gegenüber? Leider habe ich nur Fragen, kaum Antworten.

Ich wohne in Hannover. An dem Abend, an dem das symbolträchtige Spiel der deutschen Nationalmannschaft stattfinden sollte, kam ich gerade aus Frankfurt nach Hause. Sicher in meinen vier Wänden verfolgte ich die Geschehnisse draußen auf der Straße. Ich hörte die Polizeisirenen durch die Straßenschluchten Hannovers heulen. Doch unsicher fühlte ich mich nicht. Auch die ganzen Gerüchte wunderten mich nicht, selbst als eine kleine Lokalzeitung twitterte es gäbe eine Bombe in einem Krankenwagen – etwas was sich im Nachhinein als Ente herausstellte. Es geht scheinbar ausschließlich um Aufmerksamkeit. Man nutzt diese Ereignisse für sich, es sind Medienereignisse. Worüber ich mich ärgerte waren die Worte des Bundesinnenministers, das Neo Magazin Royal kommentierte dazu genau, was ich in diesem Moment dachte. Wie anmaßend bevormundet der Innenminister substantielle Aussagen verweigerte, brachte mich tatsächlich auf die Palme.

Wirkliche Maßnahmen zum Schutz gibt es ja gar nicht. Dies will sich Politik und auch die Gesellschaft nicht eingestehen. Es darf bloß kein Gefühl von Unsicherheit aufkommen. Ehrlich gesagt, selbst ein geglückter Anschlag in Deutschland kann uns doch nicht in eine permanente Unsicherheit stürzen, oder? Als ich in Jerusalem lebte, gab es verschiedene Anschläge auf Passanten an Straßenbahnhaltestellen. Auch die, die ich und meine Mitbewohner immer benutzte war ein Ziel. Zu dieser Zeit hörte ich auch jeden Tag und vor allem abends Demonstrationen, Zusammenstöße, riots in den Straßen rund um unser Wohnviertel. Ich konnte unten, im Tal, das Tränengas wabern sehen. Wir hatten Gäste aus diesen Vierteln, die sagten, sie gehen nicht nach Hause, man kann dort gerade nicht wohnen. In diesen Zeiten fühlte ich mich unsicher und spürte, wie sich in mir etwas veränderte. Mit einem manchmal mulmigen Gefühl stieg ich in die Straßenbahn und musterte bestimmte Typen genau und überlegte, wer wohl ein Terrorist sein könnte. Davor erschrak ich. Doch eine solch bedrohliche Stimmung gibt es in Deutschland nicht, die Bevölkerung ist nicht so verunsichert.


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Doch, was sollen wir tun mit all den Gefühlen? Brauchen die Behörden nicht doch mehr Befugnisse? Ich glaube nein! Was wir vielleicht brauchen ist eine verbesserte Ausbildung für Polizisten, d.h. bessere Nahkampftechniken, eine intensivere Ausbildung zur Benutzung der Schusswaffen und vor allem vernünftige psychologische Schulungen im Umgang mit Menschen. Außerdem brauchen wir mehr Polizisten, solche, die in den Straßen patrouillieren und die Menschen vor Ort kennen. Besonders in Großstädten und an gefährdeten Plätzen ist diese Präsenz ausreichend, auch ohne Maschinenpistolen. Die helfen gegen Terroristen mit Kalaschnikow manchmal auch nicht viel besser als Pistolen. Eine bessere Ausbildung an der Waffe wäre wahrscheinlich effektiver, als Polizisten mit gelegentlichem Schießtraining eine MP5 von Heckler & Koch um den Hals zu hängen.

Sollte sich die Situation verschlimmern, brauchen wir wohl mehr privates Sicherheitspersonal, um Schulen, Malls, Märkte etc. zu bewachen, doch vorher müssen besonders in diesem Sektor Veränderungen vorgenommen werden. Der Beruf eines Sicherheitsbeamten muss nicht nur gesellschaftlich sondern auch monetär aufgewertet werden, gleichzeitig müssen die Zugangsschwellen angehoben werden und die Ausbildung professionalisiert und verbessert werden. Dann und nur dann, sollten diese Sicherheitsbeamten auch Waffen tragen dürfen. Dies beruht aber auf einer verantwortungsvollen Ausbildung und einem solchen Umgang mit diesem tödlichen Handwerkszeug. So könnte man einem vermeintlichen Unsicherheitsempfinden begegnen. Wenn ich die Menschen nicht kenne, die mich beschützen sollen und die auch noch Waffen haben, kann man sich nicht sicherer fühlen.

Wir müssen also nicht nur die Sicherheitskräfte kennen lernen, sondern vor allem müssen wir uns mit unseren Nachbarn und unserer Nachbarschaft im wahrsten Sinne des Wortes vertraut machen! Der Ausgrenzung von Muslimen müssen wir entgegenwirken, da Freundschaften zwischen Atheisten, Christen, Juden und Moslems die wirkungsvollste Waffe gegen Radikalisierung und Terroristen sind. Letztere wollen uns töten und uns verunsichern, sie wollen uns unsere Freiheit nehmen. Vielleicht wollen sie auch nur, dass wir uns so fühlen wie sie, oder es ist wie Slavoy Zizek meint, ihr Neid auf unsere Dekadenz. Die Beweggründe von Terroristen sind mir auch egal, ich befürchte nur, dass sie seit der ersten Minute gewonnen haben. Wir sind unsicher, reagieren weder human noch demokratisch und schränken unsere eigene Freiheit ein. Den Großteil des Jobs der Terroristen erledigen wir selbst.

Geben wir ihnen also keine Chance und lernen uns kennen; knüpfen wir Kontakte und stehen uns nicht im Weg durch Vorurteile. Wir können diesen Kampf nur gemeinsam gewinnen.

Dazu gehören auch staatliche Zuwendungen für muslimische und interreligiöse etc. Verbände und Vereine auf zivilgesellschaftlicher, politischer und religiöser Ebene.

Zum Schluss: Wenn wir nicht wissen, wohin es gehen soll, können wir getrost auf Israel schauen, dieses Land lebt täglicher mit unterschiedlichen Formen von Terror. Wollen wir es uns wirklich zum Vorbild nehmen? Ich hoffe nicht, obwohl ich dieses Land mag, ist es das Gefühl nicht wert!


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5 KOMMENTARE

  1. Privates Sicherheitspersonal, eine bessere Ausbildung für Polizist_innen und Schießtrainings etc. scheinen Dir in einem ersten ersten Anflug von Betroffenheit also angemessen. Hast du ein konkrektes Vorbild vor Augen oder ein Land in dem ein solches Konzept ohne den Abbau rassistischer Strukturen und den Aufbau sozialer Infrastruktur gerade ganz gut funktioniert? Wie wär es mit der Förderung von offenen Jugendclubs und kostenlosen Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche, die im Optimalfall irgendwann ihre Projekte selbstverwalten können und endlich die Etablierung eines (Aus-)Bildungssystems was nicht nach sozialer Herkunft selektiert. Gehaltvolle und breitgefächerte Bildung für Alle scheint mir jedenfalls sinnvoller zu sein als auf Rambos zu setzen, mögen sie noch so gut ausgebildet sein. Es gilt sie überflüssig zu machen.

    • Ja, ganz offensichtlich erschien mir das angemessen, in einem ersten Anflug von Betroffenheit.
      Ich stimme dir zu, dass das was du soziale Infrastruktur nennst, zu fördern wäre. Natürlich gilt es diese Dinge aufzubauen.
      Aber wird außerschulische Jugendbildung und werden offene Jugendtreffs gegen Radikalisierung, Indoktrination und Ideologie nicht das Allheilmittel
      sein. Persönlich, glaube ich auch nicht, dass wenn du alles umsetzt, was du oben beschreibst, Rassismus, Hass und Antisemitismus verschwinden.
      Dazu braucht es schon etwas mehr.
      Zu deiner Frage: Ein Land fällt mir nicht ein, dass genau dies tut. Als ich aber den Artikel geschrieben habe, dachte ich einerseits, dass ich nicht möchte das Polizist_in XY mit MP vorm Bauch und mit Finger am Abzug herumläuft, andererseits dachte ich ein Jahr zurück. Vor einem Jahr lebte ich noch in Israel, wahrlich kein Land ohne Rassismus und soziale Probleme, dort saßen aber vor der Uni, der Bank, dem Lebensmittelladen, dem Bahnhof Menschen, die du als Rambos bezeichnest. Ältere Herren, junge Frauen, junge Männer. Alle trugen mehr oder weniger verdeckte Waffen. Ein_e Angreifer_in, der_ie um sich schießen wird, wird in einer solchen Situation weniger Menschen töten, als ohne diese Rambos.

      Du hast recht, es gilt dafür zu kämpfen, dass diese Menschen überflüssig werden. Und bis dahin?

      Ich verstehe deinen berechtigte Einwand, meiner Meinung nach erweitert er mein Argument aber nur um eine weitere Dimension und widerspricht dem nicht.
      Heute, jetzt, würde ich es anders formulieren, denke ich auch anders.
      Dahingehend vielen Dank. Ich glaube, es ist Zeit, einen weiteren Ruf zu schreiben, der reflektierter, nachträglicher ist.

      • Ja, weder gibt es nur eine Ursache noch ein Allheilmittel. Nachvollziehen kann ich das Bedürfnis, sich durch den Kauf einer Wumme sicherer zu fühlen. Dennoch kann ich der Argumentation für mehr Waffen in wessen Händen auch immer, wenig Gutes abgewinnen, sei sie auch „sozial abgefedert“. Wenn man den Gedanken vom Kauf einer Waffe zu Ende denkt, sehe ich letztendlich eher mehr Gewalt und Tote als ohne die Vorstellung, dass da draußen lauter John Waynes rumlaufen. Abgesehen davon ist mir auch alles andere als Wohl dabei die Bewaffnung von Polizei und Sicherheitskräften auszuweiten, da dies doch eher die Menschen sind, die sich zwecks Uniform berufen fühlen auszuteilen als Ruhe zu bewahren, die chronische Überlastung in Form von unzähligen Überstunden und lauter Wochenendeinsätzen tut sein Übriges.

        Ein gelungener Artikel in der WOZ vom 19.11.15 „Der Absturz kommt erst noch“, der sich konkret mit der Situation der Anschläge und der Bewaffnung der Szene in dem Pariser Stadtviertel befasst, zeigt meiner Meinung nach ganz gut, dass man zur Lösung der Probleme den Blick auf die Motive der Täter_innen richten sollte und welche gesellschaftliche Umstände die Herausbildung solcher Motive begünstigen. Diese Motive entstehen in unserer Gesellschaft und sind auch nur in dieser zu lösen. Nun eine Frontstellung zu beziehen gegen den unsichtbaren und potentiell allgegenwärtigen Feind – unsichtbar, weil theoretisch jeder zum Amokläufer mutieren kann – erzeugt meines Erachtens eher Paranoia und verstellt den Weg für Lösungen.

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