Operation Tarnkappe, oder: Der Versuch unsichtbar zu sein.

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Fühlen sie sich manchmal verfolgt? Wenn Sie einkaufen oder gerade einen Film anschauen? Vermutlich nicht. Dabei ist genau das der Fall. Zumindest wenn sie den Einkauf auf Amazon tätigen und der Film gerade bei Netflix über die Mattscheibe flimmert.

Das scheint auch erst Mal eher weniger beunruhigend zu sein. Schließlich bekommt man ja auch was dafür. Bessere Vorschläge, welche Serie man als nächstes gucken könnte, Bücher die einem wahrscheinlich gefallen und so weiter und so fort. Seit den Snowden-Enthüllungen vor zwei Jahren wissen wir aber, dass sich eben nicht nur die großen Internetmultis für unsere Daten interessieren, sondern auch so ziemlich jeder Geheimdienst dieser Welt, sofern er die Ressourcen dafür hat.

Klar, Geheimdienste müssen versuchen Geheimnisse aufzudecken, ansonsten hätten sie keine Daseinsberechtigung. Sicherlich war auch den meisten klar, dass dabei der ein oder andere Kollateralschaden in Kauf genommen wird. Aber in diesem Maße? Dass es überhaupt technisch umsetzbar ist, mehr oder weniger den gesamten Internettraffic zu jeder Zeit und an jedem Ort zu sammeln, dürfte auch die größten Pessimist*innen überrascht haben.

Angesichts dieser Übermacht stellt sich natürlich die Frage: wie soll man damit umgehen? Ergeben, da man doch eh nix zu verbergen hat? Oder die Rolle des Don Quijote annehmen und in den Kampf gegen Windmühlen ziehen?

Ich habe mich für die zweite Option entschieden.

Don’t use phones! (Jacob Applebaum)

Klar ist: wer wirklich unsichtbar werden möchte, sollte sich von modernen Kommunikationsmitteln verabschieden, oder wie es der bekannte Internetaktivist Jacob Applebaum jüngst bei einer Veranstaltung  der Rosa-Luxemburg-Stiftung sagte: „Don’t use phones!“ Da das aber natürlich keine Option ist und es darum auch gar nicht geht, lohnt ein Blick auf den berühmten Mittelweg.

Ein erster Schritt wäre es z.B. bei den Dingen anzufangen, die man am häufigsten nutzt. Bei mir wäre das Whatsapp. Der Chatdienst hat SMS weitestgehend abgelöst, ist weit verbreitet und super einfach zu nutzen. Was den Datenschutz angeht, sollte man sich allerdings trotz kürzlich eingeführter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung keiner Illusion hingeben. Whatsapp gehört Facebook, ist ein US-amerikanisches Unternehmen und unterliegt somit dem Patriot-Act. Damit ist eigentlich schon alles verloren, weil sich US-Geheimdienste so in jedem Fall und sogar vom Gesetz gedeckt, Zugang verschaffen können. Auch wenn sich Facebook und andere große Internetfirmen momentan bemühen mehr Datensicherheit zu bieten, ist es momentan nicht absehbar, dass Server in den USA sicher sein können.

Wir brauchen also eine Alternative. Davon gibt es mittlerweile eine ganze Menge, die aber oft entweder weniger nutzerfreundlich oder doch nicht so sicher sind, wie sie behaupten. Eine angenehme Ausnahme ist Threema. Server in der Schweiz, eine echte Verschlüsselung, die auch nicht auf irgendwelchen Servern liegt, sondern nur auf den Handys und alle Funktionen, die man von Whatsapp kennt. Dafür sollten auch die einmalig anfallenden 1,99€ verschmerzbar sein. Whatsapp kostet schließlich auch 89 Cent im Jahr.

Ein zweiter Punkt sind Mails. Pro Tag sammeln sich in meinem Postfach mehrere Dutzend Mails an. Gleichzeitig schreibe ich auf der Arbeit, und privat, ebenfalls diverse Mails. Das Problem: fast immer geschieht das unverschlüsselt. Genau so gut, könnte ich sensible Geschäftsgeheimnisse oder Liebesbriefe auf einer Postkarte verschicken. Technisch ist es nämlich genauso aufwendig eine unverschlüsselte Mail auszulesen. Sicherheit Fehlanzeige. Abhilfe schaffen Programme wie PGP. Die können zwar die Metadaten nicht verschlüsseln, was ein Problem ist, wie der Guardian übersichtlich zeigt, aber immerhin den Inhalt. Ein großes Plus! Etwas schwieriger, zumindest für Ottilie Normalverbraucherin, ist die Einrichtung. Allerdings gibt es mittlerweile wunderbare Erklärvideos, die es auch für weniger versierte Anwender*innen möglich machen, in Zukunft vielleicht doch den Brief in einen Umschlag zu stecken. Außerdem sollte man ernsthaft darüber nachdenken, den Emailprovider zu wechseln. Anbieter wie GMX oder Web.de sind zwar kostenlos, aber eben auch gänzlich unsicher. Demgegenüber stehen Anbieter, die sich dezidiert der Datensicherheit ihrer Kund*innen annehmen. Im deutschsprachigen Raum sind das vor allem Mailbox.org und Posteo. Mailbox.org beispielsweise unterzieht sich externen Sicherheitsprüfungen und schließt diese mit Bestnoten ab. Außerdem bieten sie neuerdings eine integrierte PGP-Verschlüsselung an. Hinzu kommt, dass diese beiden auch auf soziale und ökologische Standards achten. Dafür sollten auch die ein bis zwei Euro im Monat verschmerzbar sein.

An diesem Punkt könnte man noch über verschlüsseltes Surfen via Tor Project reden, über Alternativen zu Skype, verschlüsseltes Telefonieren etc. pp.

Interessanter ist aber vielleicht eher die Frage, die weiter oben schon angeklungen ist. Was soll das bringen, wenn die NSA Zehntausende Mitarbeiter*innen hat, die nichts anderes machen, als zu versuchen, alle diese Vorkehrungen zu umgehen?

Ich denke schon, dass das alles einen Mehrwert hat. Verschlüsselung lebt nicht so sehr davon, dass sie unknackbar ist. Das wird man nie zu einhundert Prozent gewährleisten können. Die Geschichte beweist das. Selbst der Enigma-Code der Nazis, der als absolut sicher galt, wurde letztendlich (glücklicherweise!) geknackt. Der springende Punkt ist ein anderer: die Masse macht’s. Wenn plötzlich Millionen von Nutzer*innen anfangen ihre Daten zu verschlüsseln, wird es auch für die NSA zu einem Problem, da das massenhafte Abschöpfen von Inhalten natürlich nur möglich ist, weil die Unterhaltungen im Klartext vorliegen.

Und wer jetzt sagt, dass das zwar schön und gut ist, es aber kaum jemand macht und deshalb die ganze Geschichte für die Tonne ist, den möchte ich daran erinnern, dass hier das gleiche Prinzip wie beim Wählen oder Umweltschutz greift. Natürlich werde ich allein nicht die Welt aus den Angeln heben. Dennoch muss es Leute geben, die anfangen und Multiplikator*inneneffekte sollte man auch nicht unterschätzen. Wenn ich auch nur zehn Leute davon überzeuge in Zukunft lieber Threema zu nutzen, können die zehn Personen schon einhundert erreichen. So verbreiten sich Posts in sozialen Medien an Millionen von Menschen, das Potential ist also da.

Und zu guter Letzt bleibt natürlich noch die Utopie ein besseres Internet zu schaffen. Mit weniger Überwachung, effektiver Datensicherheit und demokratischen Schranken für die Geheimdienste und Regierungen dieser Welt. Das klingt ambitioniert und wahrscheinlich relativ unrealistisch.

Allerdings – wer hätte in den 80ern schon daran geglaubt, dass wir in Deutschland eines Tages keine Atomkraftwerke mehr haben werden und uns mit Windrädern und Solarzellen versorgen? Oder dass Schwule und Lesben heiraten dürfen (ich bin der festen Überzeugung, dass wir bald so weit sind)? Oder dass wir eine ernsthafte Debatte über die Legalisierung von Marihuana führen?

Veränderung ist möglich, auch wenn es manchmal kaum möglich erscheint. Wir müssen nur alle kleine Don Quijotes sein.


2 KOMMENTARE

  1. Gute Ideen, du kanntest ja mal jemanden der kein Handy hatte 😉
    Der kann dir erzählen wie entspannt das war. Probiere es einmal für 3 Tage aus, das wäre doch ein experiment. Deine Erfahrung kannst du dann bloggen.

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