Clash of Civilisations oder die Kulturalisierung sozialer Konflikte?

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Wir werden bedroht, ganz akut. Mit ISIS und den anderen Islamofaschisten stehen feindliche Kräfte vor unserer Tür und in unserem Haus und sie wollen uns ans Leder.

Die These vom Aufeinanderprallen der Kulturen ist wieder in aller Munde. Jetzt ist es nicht mehr, der Islam gegen den Westen, sondern es geht nun um die Islamisierung des Abendlandes, oder um die Abwehr des Islamofaschismus. Dabei geht es oft um die Fremden, die da kommen und jeder weiß ja, dass die Krankheiten einschleppen und klauen und mit unseren Frauen wer weiß was machen werden. Solche Denkfiguren sind weiter verbreitet als man sich, vor allem in den politischen und liberalen intellektuellen Klassen, eingestehen will. So scheint es, dass es bei unseren Problemen, um einen Konflikt zwischen Islam und westlichen Werten geht, die oft säkular, oft christlich gefärbt werden. Mit westlichen Werten sind die Normen gemeint nach denen man vorrangig in Westeuropa und Nordamerika lebt (obwohl es auch hier große kulturelle Unterschiede gibt) und unter Islam wird bei uns alles homogenisiert, was sich der islamischen Tradition zugehörig erklärt oder erklärt wird. Die meisten Unterschiede zwischen Strömungen und Ansichten innerhalb der islamischen Traditionen werden von uns eingeebnet, damit wir einen einfachen Begriff vom Islam haben können, der als fremd und nicht zu uns gehörig entworfen und verbreitet werden kann. In sogenannten islamischen Ländern sieht es mit der Homogenisierung und Vereinfachung des Westens ganz ähnlich aus.

Soweit alles bekannt, brauchen wir also noch mehr Plattitüden? Nein, natürlich nicht. Hier geht es um einen anderen Aspekt, der in der Debatte noch viel zu selten aufgetaucht ist.

Innerstaatliche Probleme, vor allem Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessengruppen müssen geregelt und moderiert werden. Beispielsweise gibt es eine Gruppe von Menschen, die Kulturprodukte (Musik, Filme, Theater etc.) dauerhaft mit geringen monatlichen Zahlungen in Anspruch nehmen wollen (Kulturflatrate). Auf der anderen Seite gibt es die Interessen der Produzenten dieser Produkte, die diese einzeln verkaufen möchten. Diese entgegengesetzten Interessen sind formuliert legitime Interessen unterschiedlicher Gruppen in der Bundesrepublik. Politik sollte unter anderem dazu dienen, diesen Konflikt zu kanalisieren und zwischen den Gruppen zu vermitteln.

Um solche Konflikte einzuhegen kann sich Politik unterschiedlicher Methoden bedienen. Ein weiteres Beispiel und darum dreht sich dieser Artikel, ist der vor fast 15 Jahren begonnene, von UN und EU sogenannte, Dialog der Kulturen. Dieser Dialog wurde ausgerufen und schlägt sich seither nieder in Programmen, die zum interkulturellen Austausch anregen sollen oder explizit aufrufen, Konflikte unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen mit verschiedenen Kulturen im Dialog zu lösen oder zu mindern. Grundlage dabei ist, dass die Kultur des jeweils anderen das Problem ist.

In seinem Buch Kulturen sprechen nicht untersucht der Autor Frank-Olaf Radtke die inhärenten Prämissen des Dialogs der Kulturen. Eine entscheidende Grundlage führt uns zurück zur Überschrift. Sie besagt, dass es den Clash of Civilisations gibt und wir nur versuchen können ihn zu moderieren und abzumildern.

Doch was ist dieser Clash of Civilisations und sein Gegenstück, der Dialog der Kulturen? Die These des Clashs’ besagt, dass es verschiedenen Kulturen gibt (u.a. die Westliche, die Islamische, die Asiatische etc.) und diese zwangsläufig aufeinanderprallen – allen voran die islamische und westliche. Soweit so einleuchtend, so einfach – zu einfach? Ich glaube schon, denn das Großkonzept einer westlichen Kultur ist problematisch, schaut man sich die vielen Unterschiede zwischen US-Amerikanern, Franzosen, Briten und Deutschen an.

Doch was haben der Clash of Civilisation und seine Entsprechung, der Dialog der Kulturen, mit sozialen Problemen zu tun? Eine ganze Menge. Betrachtet man sich die Debatte und die sogenannte Bewegung PEGIDA wird schnell klar, dass es sich hier eigentlich um eine Gruppe weißer Männer im mittleren Alter handelt, die sich um ihre Stellung und ihre Privilegien sorgt. Dabei geht es ihnen nicht um einen europäischen Rahmen, sondern genau betrachtet um eine nationale Abwehr von als Eindringlingen empfundenen Menschen. Diese Menschen werden oft dem Islam zugeschrieben und für PEGIDA Anhänger scheinen damit definierte Merkmale und Eigenschaften einherzugehen. Grundlegend dabei ist außerdem, dass Islam prinzipiell gleichbedeutend ist mit Formen des sogenannten politischen Islam, vor allem Al-Qaida, An-Nusra Front, ISIS und und und.

PEGIDA, ISIS, aber auch die Salafistenpolizei aus dem Westen der Republik haben eine ganze Menge gemein. Sie bedingen quasi einander.

Salafistische Gruppen und solche wie PEGIDA, als auch HoGeSa werden getragen von jungen Männern bzw. Männern im mittleren Alter. Die einen sind eher weniger gebildet, haben oft keine oder niedrige Arbeit (Salafisten, HoGeSa), die anderen sind gut ausgebildet und gehören zumeist der Mittelschicht an (PEGIDA). Wie nun HoGeSa und PEGIDA zusammenkommen ist recht einfach, betrachtet man sich die ökonomische Seite des Problems. HoGeSa und PEGIDA haben Angst um ihre Stellung oder Arbeitsplätze, sie können oder wollen den ökonomischen Druck nicht direkt adressieren und verdrängen Marktmechanismen, d.h. sie sehen nicht, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert und damit nicht, welche Stellung sie inne haben (oder sie tun es, das Ergebnis bleibt das gleiche). Die Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien als weiße männliche Mittelständler bzw. als weiße Männer treibt sie dazu mit dem Fremden zu argwöhnen. Diese Anderen, diese Muslime, sind schlimm: sie töten, vergewaltigen, können keine Demokraten sein, sie sind das Gegenteil von uns, den Europäern. Daher auch die Abgrenzung zu ökonomisch gleichgestellten (HoGeSa und Salafisten), da ich letztere nun für das Übel in meiner Gesellschaft verantwortlichen machen kann. Dazu muss ich auch mein eigentliches Interesse nicht begreifen und/oder, nicht öffentlichen machen: die Angst um Privilegien weißer Männer in der bundesdeutschen Gesellschaft.

Soziale Konflikte werden kurzerhand kulturalisiert und damit einer sachlichen Kritik entzogen. Denn Kulturen kann man kritisieren, man kann mit ihnen sogar in einen Dialog treten, doch ändern kann man sie angeblich nicht. Damit können auch Menschen, die dieser Kultur angehören sich nicht verändern und wir können ihnen (und sie uns) unveränderliche Merkmale zuschreiben. So einfach geht das und es muss uns nicht mal bewusst sein.

Wer wir sind, weiß ich im Übrigen nicht. Ich weiß aber, dass es massive Probleme gibt in vielen Ländern dieser Welt und sehr viele in solche, die wir islamisch nennen. Ich weiß auch, dass ich nicht im Einflussgebiet von ISIS leben möchte und dies niemandem wünsche!

Diese grausamen Tatsachen, die wir beobachten können, ändern allerdings nichts an der Tatsache, dass wir genau diese Bilder evozieren und benutzen, um in Deutschland soziale Konflikte, die ihre Ursachen in den kapitalistischen Verhältnissen haben, zu kulturalisieren und damit zu überdecken.

Bleiben am Ende dieses Gedanken noch ein paar Fragen. Wem nützt dieses Verdecken von sozialen Problemlagen? Warum beteiligt sich der Staat und seine Agenten an der Kulturalisierung soziale Konflikte und welche Interessen haben diese Akteure?

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