In Brüssel sitzt ein Ungeheuer

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“In Brüssel sitzt ein Ungeheuer, das in Rätseln zu mir spricht…” so hört sich eine Liedzeile der Gruppe Dota und die Stadtpiraten an. Gemäß der Idee, dass man in der Ferne das zu Hause besser kennenlernt, spricht dieser Vers für mich Bände. Lebensmittelunterschieden gehe ich hier auf den Grund.

In Brüssel… und Jerusalem ?!

Im Supermarkt gleich bei mir um die Ecke kaufe ich seit ein paar Wochen mein Gemüse, mein Obst und was ich so zum Essen brauche. Ich trotte in den Landen, der von außen recht unscheinbar, fast schon verwahrlost aussieht. Beim Betreten des Geschäfts passiere ich einen älteren Herren mit Pistole – er ist der Sicherheitsbeamte.

Ich grüße: Schalom! Er schaut mich nur an. Na dann halt nicht, denke ich.

Ich schnappe mir einen Korb und beginne wie immer einzukaufen. Sehr unterscheidet sich das Geschäft nicht von anderen Läden. Gemüse und Obst zu Anfang, viele Regale, Bier, Cola, Wein, Kram. Gut, es gibt nicht super viel Käse, und Fleisch ist teuer, aber damit kann ich leben. Ich esse viel Gemüse hier. Ein Kilo Paprika kostet etwa einen Euro.

Ich stehe also vor dem Gemüse und fange an mir meine Paprika zu suchen, es ist ein ganz schöner Haufen und ich kann sie mir aussuchen. Das ist üblich, suche dir die besten Stücke raus, oder die, die dir gefallen. So ist das bei Paprika, Tomaten, Zwiebeln, Gurken, Äpfeln, Kohlrabi, Orangen und so weiter. Wie immer lade ich also meinen Korb voll mit Gemüse.

Ich schlendere weiter durch den Laden, stolpere. Was war das? Ich schaue zu Boden und sehe, dass zwei Fliesen fehlen, betrachte den Boden näher und sehe den Unterschied zum heimischen REWE, EDEKA, Aldi oder sonst was für einen Laden. Ich betrachte den Rest der Einrichtung. Kurz gesagt, ein wenig heruntergekommen, aber es hat Charme und genaugenommen ist es egal, wie der Laden aussieht. Ich gehe also weiter, packe weiteres Zeug in meinen Korb und stelle mich an der Kasse an.

Ich warte und warte an besagter Kasse. Ich stehe mir sprichwörtlich die Beine in den Bauch. Dann denke ich mir: Hier muss das Wort Entschleunigung erfunden worden sein. Die Kassiererin hat Zeit, unterhält sich mit der Kundin vor mir, mit ihrer Kollegin und hat Zeit. Nach einer Weile bin ich dran. Scannen, Abrechnen, Bezahlen, Einpacken und ab nach Hause.

Dort angekommen fange ich an, meine Einkäufe zu verstauen. Als ich meine Gurken in den Kühlschrank räumen will trifft es mich: Wie sehen die denn aus? Klein und kurz. Wieso sind die nicht so prall und groß und lang wie bei uns? Tja, hier kommt nun die EU ins Spiel.

In Deutschland und der EU gibt es Bestimmungen, die es so in Israel nicht gibt. Keine große Überraschung. Die berüchtigte Gurkenkrümmungsverordnung 1677/88/EWG ist zwar schon länger wieder abgeschafft worden, doch diese Verordnung wirkt nach, die Mehrheit des deutschen Gurkensortiment wird immer noch danach produziert und in den Handel gebracht (so bei Lidl und Aldi als größte Gurkenhändler).

Es gilt dennoch die allgemeine Vermarktungsnorm:

“Die allgemeine Vermarktungsnorm führt eine Definition der Begriffe „in einwandfreiem Zustand, unverfälscht und von vermarktbarer Qualität“ für diese Erzeugnisse ein und sieht die Nennung des vollständigen Namens ihres Ursprungslandes vor.”[1]
Nachdem ich bei den Gurken stutzig geworden bin, schaute ich mir auch meine Tomaten näher an. Klar, sie waren unterschiedlich groß, unterschiedlich reif und etwas schmutzig. Zusätzlich an einigen Stellen lädiert. In der EU wäre das gar nicht gut angekommen, hier gilt nämlich die Verordnung 543/2011 mit der Ergänzung 1234/2011 [2], das pdf-Dokument ist ganze sieben (!) Seiten lang. Darin findet man Bestimmungen zu Form und Aussehen, Größe und Sortierung der Tomaten und natürlich eine Kategorisierung in Güteklassen. Auf Seite sechs liest man dann auch tatsächlich:

“Tomaten/Paradeiser der Klassen Extra und I müssen praktisch von einheitlicher Reife und Färbung sein. „Längliche“ Tomaten/Paradeiser müssen außerdem annähernd die gleiche Länge haben.” (S.6)

Normierung. Normierung. Normierung.

Nach solchen Normen habe ich in Israel vergebens gesucht, es gibt einige Bestimmungen zur ökologischen Landwirtschaft und einige zu Sicherheit und Gesundheit. Aber an der Form, dem Aussehen und ihrer Größe wird sich hier nicht vergriffen.

So kann ich mir also Tomaten aussuchen, die mir gefallen. Wenn ich will, kann ich mir gleich große, gleich rote, gleich runde Tomaten kaufen, muss ich aber nicht, manchmal, geht das auch nicht, dann nämlich, wenn sie anders gewachsen sind.

Tomaten und Gurken. Kein Grund zum Ausflippen, aber ein Grund über den Sinn und Zweck unserer Verordnungen in der EU nachzudenken. Aus der Ferne habe ich das Gefühl zu erkennen, dass unsere Überregulierung Vorteile bietet, vor allem in Hinblick auf Qualitätsstandards. Allerdings zwingt uns die Normierung dazu, Lebensmittel auf ein Prokrustesbett zu spannen, was nicht dem natürlichen Wachsen dieser Narhungsmittel entspricht.

Vor- und Nachteile. Wie immer. Na toll. Am Ende arrangiere ich mich hier gerne mit der Nichtregulierung. Das Gemüse und die meisten Früchte sind regional, meistens sogar lokal, außerdem sehr billig. Im Supermarkt zahle ich für ein Kilo grüne Paprika im Angebot, ungefähr 0,80€. Waschen muss ich das Gemüse sowieso.
Darüberhinaus schmeckt es einfach großartig!

Bananen

Paprika und Gurken

 Anmerkungen

[1] Quelle: http://ec.europa.eu/agriculture/fruit-and-vegetables/marketing-standards/index_de.htm#specific-marketing-standards

[2] Quelle: http://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/02_Kontrolle/01_Qualitaetskontrolle/02_VermarktungsnormenObstGemuese/EG_Vermarktungsnormen/Tomaten.pdf?__blob=publicationFile

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