Erinnerungskultur

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Als um halb acht die weißen Ballons in den Berliner Himmel emporflogen und am Brandenburger Tor gerade die letzten Worte Klaus Wowereits verklungen waren, sah sich eine Reisegruppe der besonderen Art 1800 Kilometer weiter südlich einem ganz besonderen Empfangskommitee ausgesetzt: der griechischen Polizei. Eine Delegation des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS), beging den 25. Jahrestag des Mauerfalls auf ihre ganz eigene Weise. Das ZPS ist bekannt für seine provokativen und medienwirksamen Aktionen, u.a. wurde  schon ein öffentlicher Fahndungsaufruf gegen Mitglieder der Führungsriege der Waffenschmiede Krauss-Maffei-Wegmann gestartet. Auch Manuela Schwesig wurde schon zum Ziel, als ihr eine Kampagne zur Rettung syrischer Kinder untergeschoben wurde. Dieses Mal nutze man die Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung, um auf die Abschottung der Europäischen Union hinzuweisen.

Unter dem Motto Erster Europäischer Mauerfall wurden zuerst die Gedenkkreuze für an der Berliner Mauer Getötete abmontiert, ausgeliehen und an die europäischen Außengrenzen gebracht. Gleichzeitig startete man eine Crowdfunding-Kampagne bei der sich Plätze im Reisebus erkauft werden konnten. Letztendlich dürfte es allen klar gewesen sein, dass man nicht wirklich einen Teil der europäischen Außengrenze abbauen würde. Der symbolische Wert der Aktion hätte dennoch kaum größer sein können. Der Aufschrei aus der Politik kam so verlässlich wie der neue Tag nach Mitternacht und das ZPS war in aller Munde. Über Sinn und Unsinn, Berechtigung und Nichtberechtigung der Aktion wurde dann auch schon so viel in den letzten Tagen gesagt, dass hier nicht noch einmal darauf eingegangen werden soll. Viel wichtiger erscheint der dahinterstehende Gedanke – die Frage an wen gedacht und erinnert wird; letztendlich was zur offiziellen Erinnerungskultur gehört und was nicht.

Wenn Klaus Wowereit am Brandenburger Tor steht und davon spricht, dass sich überall auf der Welt die Demokratie durchsetzen werde, das Mauern keinen Bestand haben und dass sich die Menschen auch anderswo eines Tages befreien werden, dann ist das mindestens zynisch. Klaus Wowereit kann dabei als Synonym für all die Merkels, Gaucks und Steinmeiers gelten, da natürlich niemand auf die Idee käme die EU-Grenzpolitik wirklich zu verurteilen oder gar etwas ändern zu wollen.

Doch nicht nur auf dieser Ebene erscheint die einseitige Ausrichtung der Feierlichkeiten auf Spiel, Spaß und Spannung fragwürdig zu sein. Der 09. November ist für Deutschland ein vielschichtiges Datum. Leider war von dieser Vielschichtigkeit nichts zu sehen. Wer erinnerte an die Reichpogromnacht, die sich 51 Jahre vor dem Mauerfall ereignete und das Fanal für den Holocaust bildete? Am Brandenburger Tor jedenfalls niemand. Dabei ist Anetta Kahanes Kommentar in der Frankfurter Rundschau durchaus zu folgen, wenn sie festhält, dass es natürlich einen inneren Zusammenhang zwischen dem 09. November 1938 und dem 09. November 1989 gibt, da es ohne den ersteren und den folgenden Jahren des Grauens, den zweiten nicht gebraucht hätte. Dass es diesen Bezug nicht gibt ist mindestens nach-, wenn nicht fahrlässig.

Und noch eine Tatsache stimmt mich nachdenklich an der offiziellen Feier- und Gedenkkultur: Das Ausblenden migrantischer Perspektiven. Als 1989 die Mauer fiel, lebten auf beiden Seiten viele, viele Menschen, die eigentlich mal in einem anderen Land geboren wurden und erst im Laufe der Zeit nach Berlin kamen. Woher spielt dabei auch keine Rolle, feststeht, dass es sie gibt und zwar mitsamt ihrer Erinnerungen und Erfahrungen. Auch sie waren dabei, als auf den Motagsdemos mehr Freiheiten und Reformen gefordert wurden. Es wäre nach 25 Jahren an der Zeit gewesen alle Blicke auf diesen 09. November mit einzubeziehen, alle Perspektiven, ob positiv oder negativ. Stattdessen beschränkte man sich auf ein bisschen Kunst, ein paar Interviews mit Zeitzeug*innen, Bildern aus der Konserve und viel Pathos.

Schade – das Gedenken an den Mauerfall könnte mehr leisten.

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