Gentrifizierung – ein Rundgang in Florentin, Tel Aviv

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An einem sonnigen schwülwarmen Tag im August 2010 ging ich das erste Mal durch die schmalen Gassen und belebten Straßen Florentins. Florentin ist ein Viertel im Süden Tel Avivs etwas oberhalb von Jaffa. Genauer gesagt, wird es umgrenzt von den Nachbarschaften Newe Tzedek, Newe Sha’anan, Jaffo und Giv’at Herzl.

Florentin fällt auf. Das Viertel lebt durch die vielen kleinen Werkstätten, in denen Möbel hergestellt oder gepolstert werden, durch die gemütlichen Cafés, die Boutiquen und Clubs, deren Musik durch die Nachtluft schallen. Florentin fällt auf, gerade wegen dieser Mischung, die Alteingesessenen und die Zugezogenen, die Hipster und Künstler leben scheinbar friedlich zusammen.

Karte FlorentinAn einem frühlingshaften Tag im März 2014 spazierte ich wieder durch Florentin und es hatte sich einiges geändert. Am Rand des Viertels, deutlich sichtbar, waren drei große Luxus-Apartment-Blöcke fertig gestellt worden, mitten im Quartier war das Gebäude meiner Lieblingsbäckerei verschwunden, und mit ihm auch der Borekasladen. An dessen Stelle erstrahlte nun ein Wohngebäude: frisch erbaut, mit Balkonen und Klimaanalagen.

Nicht zum ersten Mal saß ich dann in einem Café und dachte über die Geschichte dieser Gegend nach und über das leidliche Thema Gentrifizierung. Nachdem ich etwas recherchierte, kam ich zu dem Schluss, dass schon 2010 der Prozess der Gentrifizierung in Gang war.

2010 berichtete die Jerusalem Post Online Ausgabe von den Veränderungen in Florentin. Seit den 2000er Jahren werde Florentin verändert, viel renoviert und Werbung für Neubauprojekte hänge in der ganzen Stadt, um Investoren zu locken. Geplant seien Luxus Apartments an der Rehov Abarbanel. Joanna Paraszczuk schlussfolgert in ihrem Artikel, dass „[t]he developement will transform a currently semi-vacant lot into an upscale residential complex.“ Dies ist eben jener Gebäudekomplex, über den ich 2014 stolperte.

Wie kam es aber dazu, dass Florentin zu Florentin wurde? Lebendig, schmutzig, pulsierend, laut und charmant auf der einen Seite und seit neuestem auch chic und teuer? Eine Spurensuche in Vergangenheit und Gegenwart verspricht Aufklärung.

Zur Geschichte Florentins

1924 sandte die Salonika-Palestine Company Vertreter nach Palästina, damals britisches Mandatsgebiet, um Land zu kaufen. Südlich der Rehov Herzl, nahe Jaffa, schien der Gesellschaft vielversprechend, grenzte es doch an Tel Aviv und war nicht weit der Jaffa-Jerusalem Eisenbahn gelegen. Ein Problem gab es allerdings: gemäß der in Kraft gebliebenen osmanischen Gesetze für Landgebrauch, konnte frühestens ab 1933 auf dem Gebiet gebaut werden.

Dank der Gemeinde Jaffa wurde in jenem Jahr, 1933, ein Plan verabschiedet, der Handel und leichte Industrie genehmigte. Dies galt allerdings nur im untersten Geschoss eines Hauses, was dazu führte, dass die auch heute noch typischen Gebäude Florentins entstanden, in denen ganz unten gearbeitet wurde und darüber Menschen wohnen konnten. Diese neuartige Infrastruktur der Nähe von Arbeit und Wohnen zog besonders neue Einwanderer an, da es Arbeit gab und ganz in der Nähe bezahlbaren Wohnraum. Florentin entwickelte sich dadurch zu einem Durchgangsviertel, in dem jede Generation von Bewohnern ihre Spuren hinterließ.

Joanna Paraszczuk beschreibt in ihrem Artikel außerdem das angrenzende Newe Tzedek als aufstrebendes, ruhiges und friedliches Stadtzentrum. Nachdem allerdings das Zentrum der Stadt weiter in den Norden zog, weg von Newe Tzedek, wurde auch Florentin unattraktiver. Mit der Zeit verfiel die Gegend. Doch gerade dieser Verfall rückte Florentin später in den Fokus städtischer Revitalisierungsprogramme. Caroline Rozenholc, eine Stadtforscherin, zeigt in ihrer Untersuchung auf, dass zwischen 1992 und 1995 mehr als vier Millionen US-Dollar für eine Werbe- und Revitalisierungskampagne ausgegeben wurden. Mit dem Erfolg, dass zwischen 1990 und 1995 sechshundert Wohnungen, die zuvor als Lager oder Werkstätten benutzt, von den Besitzern wieder ihrem eigentlichen Zweck zugeführt und als Wohnraum genutzt wurden. Ab Mitte der 90er Jahre zog das Viertel mit seinem billigen Wohnraum und den loftartigen Gebäuden Künstler und Designer an. 1997 wurde schließlich von Eytan Fox, einem israelischen Filmemacher, eine Serie in und über das Viertel gedreht. Damit wurde Florentin vollends zu einer trendy Gegend. Es gab neue Bars, Restaurants und wurde unter anderem im Artikel von Joanna Paraszczuk, als das ‚Soho‘ von Tel Aviv gefeiert. Das Bild Florentins änderte sich wieder, Paraszczuk führt dazu aus:

„In place of the restaurants, bars and fast food joints – including chains like the Mate Pub – are opening up in Florentin. Significantly, these new places attract crowds of people from outside the area. A recently printed tourist map of Florentin explains that Rehov Vital is an ‚Entertainment Area‘. And as the location changes, property prices – including rental prices – are on the rise. A micro-apartment of 20 square meters on Rehov Cordovero fetches a monthly rent of 2,000 NIS.“ (S.87)

Damit kommen wir wieder an den Anfang und zu den Entwicklungen der Jahre seit 2000.

Protest gegen die Gentrifizierung

Diese Entwicklung entging weder den Bewohnern noch den dort lebenden Künstlern. Einwohner schlossen sich zu einer Gegenbewegung zusammen, die der Meinung sind, dass die beschriebenen neuen Entwicklungen den Charakter ihres Wohnviertels zerstören würden. Daher gründeten sie die Gruppe ‚Fight 4 Florentin’ und entwickeln alternative Ideen, um mehr günstigen Wohnraum und Grünzonen zu schaffen. Das artikuliert sich in Florentin neben der regulären ‚Street-Art’, auch anhand einiger kritischer Kommentare an den Mauen und Fassaden des Viertels. Zwei davon sollen stellvertretend genauer vorgestellt werden.

Der Bulldozer

bulldozerDas Schablonengraffiti – auch Stencil oder Pochoir – des Bulldozers findet sich an verschiedenen Stellen. Das hier abgebildete Exemplar wurde 2010 aufgenommen, und ist heute nicht mehr zu finden. Andere dafür schon. Auf dem Stencil wird ein schematischer Bulldozer abgebildet, darunter steht in Hebräisch „Die Bulldozer [sind] auf dem Weg!“ Unter diesem Schriftzug steht – ähnlich der Gravur auf einem Grabstein – „Florentin 1927-2008“. Es findet sich nicht nur der Hinweis auf das Entstehungsjahr (wahrscheinlich 2008) des Bildes, sondern auch auf die baulichen Veränderungen, die der Künstler in dem Viertel wahrnimmt und als Bedrohung empfindet. Durch den Schriftzug „Florentin 1927-2008“ wird das Ende des Viertel verkündet, wahrscheinlich durch die schon erwähnten Veränderungen in der Nachbarschaft.

Die Baumaschine Bulldozer ist zur Zerstörung konstruiert und wird zuerst darüber definiert. Daher symbolisiert der Bulldozer die Inwertsetzung Florentins, mittels Neubauten, zu deren Gunsten andere Gebäude abgerissen werden müssen.

Der weinende Junge

Ein weiteres interessantes Graffiti findet sich auch an verschiedenen Stellen der Nachbarschaft: Der weinende Junge.

Pochoir JungeZu sehen ist ein Junge, der nicht nur traurig blickt, sondern scheinbar auch weint. Darunter steht in Hebräisch die Aufforderung: „Zerstört ihm nicht die Nachbarschaft“. Das Bild des Jungen ist nicht unbekannt, als Vorlage diente ein Werk des italienischen Malers Bragolin.

Es handelt sich um ein Bild aus einer Reihe, die sich ‚weinende Jungen‘ nennt und wird teilweise auch ‚Zigeunerjungen‘ genannt. Über den Maler findet sich in einschlägigen Künstlerlexika kaum etwas, jedenfalls nichts, was nicht auch Eingang in die Wikipedia gefunden hätte. Bragolin ist ein Pseudonym für Bruno Amadio, der am 9.11.1911 geboren wurde und im Jahr 1981 verstarb. Er lebte in Venedig und arbeitete als Restaurator und Maler.

Das Bild wird in Israel mitunter als „Kitsch-Ikone [gesehen], oft mit dem schlechten Geschmack der Mizrachim[1] […], oder der Araber“ verbunden. So beschreibt ein Insider die Perzeption solcher Bilder innerhalb Israels, die allerdings auch Milieu und Habitus abhängig sein können. Daher ist nur die Verbindung dieser Art von Kunst mit bestimmten Bevölkerungsschichten in speziellen Gruppen innerhalb Israels anzutreffen.Bragolin

Dies könnte bedeuten, dass die Verbindung zwischen dem Bild und der Mizrachi bzw. immigrantischen Bevölkerung bewusst vom Künstler gesetzt wurde. Sowohl Paraczszuk, also auch Rozenholc beschrieben das Viertel als divers und durch Migration geprägt, unter anderem, da es durch griechische Juden aus Thessaloniki aufgebaut wurde. Indem dieses bestimmte Bild benutzt wurde, konnte der Künstler mehrere Dimensionen in einem Bild darstellen. Zum einen den politischen Protest gegen die empfundene Gentrifizierung bzw. Verdrängung, symbolisiert durch einen traurigen Jungen, der nicht möchte, dass sein Viertel zerstört wird. Durch die Verwendung des Motivs des ‚Zigeunerjungen’ spielt der Künstler mit Zuschreibungen für die Herkunft und Identität der Gründer und einem Teil der Bewohner Florentins. Zum anderen wird durch das Motiv des Jungen ein kunsthistorischer Bezug zur italienischen Malerei im frühen 20. Jahrhundert hergestellt, dies könnte bedeuten, dass bewusst mit den Implikationen der Bilder und auch der Zeit Bragolins gespielt wurde.

Schluss

Gentrifizierung ist überall anzutreffen, es ist ein Prozess, der sich in der Regel nicht aufhalten lässt. Die Kritik an Verdrängungsprozessen ist wichtig und geschieht auf vielfältige Weise. Ähnlich wie in Berlin machen Bewohner in Tel Aviv ihrer Unzufriedenheit über die Inwertsetzung ihres Lebensraumes durch Graffiti Luft, da mit der Inwertsetzung normalerweise eine Mieterhöhung einhergeht. Diese Art von Prozess kann gleichzeitig als ‚down-grading‘ interpretiert werden, d.h. man versucht durch das gesellschaftlich nicht anerkannte und in diesem Fall wahrscheinlich illegale Schablonengraffiti, die Gegend abzuwerten, also einen entgegengesetzten Prozess zur Inwertsetzung der Gentrifizierung in Gang zu setzen. Ob nun parallelen gezogen werden können zu den Graffiti, der Street Art und brennenden Autos in Berlin ist nicht ganz klar. Da selbst Graffiti und Street Art mittlerweile chic geworden sind, würde ein intendiertes down-grading dies konterkarieren, da es die Attraktivität der Nachbarschaft nicht schmälert, sondern erhöht. Sollte man sich dann die Frage stellen, ob man sich gegen Gentrifizerung überhaupt wehren kann?

Fest steht lediglich, dass in Berlin der Metropol Park entstehen wird und in Tel Aviv die Luxus Apartments über das Viertel blicken. Sollten in diesen Gegenden die Mieten signifikant erhöht werden, so müssen die ärmeren Bewohner weiterziehen und die Viertel entwickeln sich zu bürgerlichen Wohlfühlorten.

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Die Diskussion um Gentrifizierung und Verdrängung werden weitergehen, in der Politik, in den Großstädten überall auf der Welt und auch hier bei undogmatisch.net.

Literatur

Paraszczuk, Joanna: „Florentin – from Salonika to Soho“ In: Jerusalem Post Online. 20.01.2010. Abgerufen unter: http://www.jpost.com/RealEstate/Article.aspx?id=166212 , letzter Zugriff: 15.09.2014.

Rozenholc, Caroline: „The Neighborhood of Florentin: A Window to the Globalization of Tel Aviv“. In: Journal of Urban and Regional Anaysis. Band 2, Heft 2, 2010. S.81-95.

Mehr Bilder und weitere Information von und zu Bragolin: http://bragolin.weebly.com/index.html

Anmerkung
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