Gentrifizierung, Gated Communities und Verdrängung. Eine Erkundung.

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Protest gegen gentrifizierung in Neukölln. Bild gefunden auf: ricarda-veigel.de
Protest gegen gentrifizierung in Neukölln.
Bild gefunden auf: ricarda-veigel.de

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Ich stehe vor dem riesigen Gebäude, das einmal der „Metropol Park“ werden soll. Laut Projektseite ein Architekturwunder, das nun Luxus biete, wie es einer Stadt wie Berlin angemessen wäre. Ein Architekturwunder ist das riesige Haus am Köllnischen Park in Berlin Mitte wirklich. Das Problem? Nicht allzu viele Berliner*innen werden es sich leisten können hier auch zu wohnen. Und das ist auch nicht gewünscht. Der Metropol Park ist typisch für die ausgrenzende und verdrängende Wohnungsbau-Politik, die Berlin seit über 20 Jahren beschäftigt.

Was steckt dahinter? Was haben Gated Communities damit zu tun und was ist eigentlich Gentrifizierung? Erkundungen in Berlin und Tel Aviv.

Was ist das überhaupt – Gentrifizierung?

Zunächst einmal: Verdrängung. Und zwar von einkommensschwächeren durch einkommensstärkere Bewohner*innen. Oft bedeutet das einen Austausch eines Großteils der ursprünglichen Bevölkerung durch Zugezogene. Besonders betroffen waren zunächst innerstädtische Altbaugebiete, die über viele Jahre vernachlässigt und nicht instand gesetzt wurden. Hier wohnten lange Zeit die sogenannten A-Gruppen: Arme, Ausländer*innen, Alleinerziehende sowie Alte. Dies änderte sich in den 1970/80er Jahren mit der viel gefeierten Renaissance der Innenstädte. Ausgelöst durch eine sich wandelnde Arbeitswelt und mehr Dienstleistungsjobs in den Städten, drängten nun einkommensstarke Bewohner*innen in die Innenstadtquartiere.

Dem vorgelagert war und ist oftmals ein Zuzug von Künstler*innen, Studierenden sowie der Kreativwirtschaft im Allgemeinen, die zwar auch meist über wenig Einkommen verfügen, dafür aber ein anderes Bild des Viertels zeichnen – hip, kreativ, offen. Ist ein Viertel erst mal hip genug, beginnt die sukzessive Aufwertung, sprich (Luxus-)Sanierung des Baubestandes, Abriss und Neubau und damit verbunden Mieterhöhungen. Dieses Spiel geht so lange, bis es sich die alten Bewohner*innen nicht mehr leisten können und wegziehen müssen. Der Gentrifizierungs-Kreislauf schließt sich.

Weltweit gibt es Beispiele für diese Umstrukturierung der Städte. Besonders deutlich offenbart sich diese Entwicklung anhand von Gated Communities, also einzelne Häusergruppen bis hin zu ganzen Kleinstädten, die sich nach außen hin durch Zäune, Sicherheitspersonal und andere Überwachungsmaßnahmen vom Rest der Stadt abschotten und oftmals besondere Dienstleistungen für ihre Bewohner*innen bereit halten.

Gated Communities sind seit einigen Jahren im Fokus der Öffentlichkeit. Die Einen reden von sich abschottenden Reichen und akkurat nebeneinander stehenden Häusern, die Anderen wie „gediegen und exklusiv, angenehm und entspannt, bestens verbunden und doch wunderbar abgeschieden“ (Auszug aus einer Werbeannonce) ihre Immobilien sind.

Dabei sind eklatante Unterschiede in der weltweiten Verteilung dieser Wohnform festzustellen. Während in den USA ganze Kleinstädte nach diesem Prinzip aufgebaut sind und über 50 Millionen (!) Menschen in Gated Communities der einen oder anderen Form leben, sind es in Deutschland allenfalls einzelne Gebäude – Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Auch in Saudi Arabien, Brasilien, dem Libanon, Südafrika, Großbritannien und neuerdings auch teilweise Staaten in Osteuropa sowie Frankreich und Spanien lassen sie sich finden.

Die Heterogenität der Länder im Hinblick auf Faktoren wie Wirtschaftskraft oder Einkommensverteilung macht deutlich, dass es nicht den einen Grund geben kann, wieso sich Gated Communities in Land X durchsetzen und in Land Y nicht. Viel mehr geht es um „gefühlte Wahrheiten“ und Erwartungssicherheit. In Ländern wie den USA oder Brasilien trägt die enorme Spreizung der Einkommen zu einer erhöhten, gefühlten Gefahr bei, in Saudi Arabien sind es eher die vielen Gastarbeiter*innen, die auf Wunsch der Unternehmen abgeschottet unterkommen sollen.

Gleichwohl, sind seit einigen Jahren Themen wie Gentrifizierung und der Hang zum gehobenen Wohnen auch in deutschen Großstädten auf der Agenda und prägen sowohl öffentliche Wahrnehmung, als auch Forschung.

Wieso konnte sich der Trend zu Gated Communities in Deutschland nicht wirklich durchsetzen und welche anderen Formen des Luxuswohnens sind stattdessen zu finden?

In Deutschland sind die Einkommen zwar auch (zu) ungleich verteilt, allerdings noch nicht so, dass es sich auf die gefühlte Sicherheit einer breiten, zahlungskräftigen Masse auswirken würde. Das Argument – Sicherheit durch Zaun und Doorman – zieht nicht.

Das beste Beispiel sind die Potsdamer Arcadien, die erste „echte“ Gated Community in Deutschland, welche Ende der 90 Jahre gebaut wurde, sich aber zunächst schleppend bis überhaupt nicht verkaufte. Erst nachdem die Preise um die Hälfte gesenkt wurden, fanden sich Interessent*innen. Stattdessen müssen bestimmte Erwartungen erfüllt werden – also beispielsweise eine homogene Nachbarschaft, die trotzdem noch „mittendrin“ im szenigen, hippen Berlin ist. Oder anders gesagt: Safety first, aber bitte mit urbanem Anstrich! Zäune und hohe Mauern machen sich da meist nicht gut. Hinzu kommt, dass es in deutschen Kommunen eine lange Tradition städtischen Wohnungsbaus gibt, der zwar nicht die Privatisierung von Wohnraum verhindert, sicherlich aber einen Einfluss auf die Wohnformen genommen hat.

Die Situation in Berlin

Aber gibt es deswegen kein abgegrenztes Wohnen in Berlin?

Doch. Denn Berlin ist für diesen Gentrifizierungs-Prozess geradezu ein Musterbeispiel. In den von Gentrifizierung zuerst betroffenen Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg wohnten im Jahr 2010 nur noch knapp 20% der ursprünglichen Bewohner*innen verglichen mit dem Beginn der Modernisierungsarbeiten 15 Jahre zuvor. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Entwicklung in den vergangenen vier Jahren ähnlich fortgesetzt hat.

Prenzlauer Berg wurde so innerhalb von 20 Jahren von einem der ärmsten, zu einem der reichsten Bezirke Berlins, gemessen am Einkommen seiner Bewohner*innen. 1993 lag das durchschnittliche Einkommen bei 75% des Berliner Durchschnitts, heute sind es 140%.

Wie bereits angesprochen geht es nicht so sehr um physische Grenzziehungen, auch wenn das mitunter vorkommt. Weitaus geläufiger ist die Herstellung symbolischer Grenzen, sei es durch die gleichförmige Gestaltung der Häuser oder schlicht die Verwendung eines anderen Straßenbelags. Eines der wichtigsten Steuerungselemente ist natürlich der Miet- oder Kaufpreis, der so ausgerichtet wird, dass nur eine bestimmte Bevölkerungsschicht abgesprochen wird – die Erwartungen der Käufer*innen an das soziale Umfeld erfüllen sich dann von ganz allein.

Und wenn man sich in dieser Kategorie im Berlin umschaut, wird man sehr schnell fündig. Auf der Übersichtsseite exklusiv-immobilien-berlin.de finden sich 89 (!) aktuelle Bauprojekte, die mehr oder weniger in ähnliche Kategorien fallen: Augenmerk auf besondere Architektur, Betonung der Toplage, oftmals ein Verweis auf die Geschichte der Gebäude, damit das Flair auch stimmt, Luxus als Schlagwort, ohne dabei zu protzig zu werden.

Frontansicht des Metropol-Parks (eigene Aufnahmen)
Frontansicht des Metropol-Parks (eigene Aufnahmen)

Eines dieser Bauprojekte ist der Metropol-Park am Köllnischen Park.

Die Fassade mehr als 100 Meter lang in braunrotem Klinker, ist es stilistisch dem Expressionismus zuzuordnen und diente nach seiner Fertigstellung im Jahr 1933 zuerst als Verwaltungsgebäude der AOK, dann als Parteihochschule der SED, nach der Wende schließlich wieder der AOK.

Seit 2013 ist das Haupt- sowie angrenzende Gebäude im Besitz der Fonds Home Center Management GmbH und wird momentan noch umgebaut. Insgesamt sollen 135 Luxuswohnungen entstehen. Im typischen Szenesprech finden sich für die verschiedenen Wohnungsarten dabei Bezeichnungen wie independent studios, true apartments fresh garden homes, grand suites, bold lofts und prime penthouses. Bei meinem Besuch konnte ich mir trotz der noch lange nicht abgeschlossenen Bauarbeiten schon gut vorstellen, wie die Wohnsituation einmal aussehen wird und wie die Mechanismen des sozialen Ausschlusses hier wirken werden. Kaufpreise von ca. 4000-7000€/m² und Wohnungsgrößen zwischen 57 und 370m² stellen sicher, dass sich sowieso nur ein besonders einkommensstarkes Klientel die Wohnungen leisten kann. Selbst im günstigsten Fall würde die kleinstmögliche Wohnung 228.000€ kosten.

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Eingangstor (eigene Aufnahme)

Gut sichtbar werden hier die symbolischen Grenzen, die all die Menschen zu spüren bekommen, die nicht dazu gehören. Allein die riesige Eingangspforte eignet sich hervorragend, um ganz genau zu kontrollieren, wer möglicherweise versucht, sich unbefugt Zutritt zu verschaffen.

Dann die Architektur des Gebäudes: groß, massiv, einschüchternd. Auf der Rückseite des Gebäudes befindet sich dann der eigens für die Bewohner*innen angelegte Botanische Garten, denn „[d]er Hof soll ein Wohnzimmer für alle Bewohner sein“, so ein Mitarbeiter des Fonds. Ein Park für die gesamte Nachbarschaft mit ungeregeltem Zugang? Natürlich nicht. Man bleibt lieber unter sich. Was zählt ist kaum die Sicherheit vor möglichen Einbrüchen, sondern die soziale Segregation. Ganz nach Brechts Ausspruch: „Eure Armut kotzt mich an.“

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Baustelle an der Seitenfront – hier entsteht die zum Haus gehörende Gartenanlage (eigene Aufnahme)
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Selbstverständnis des Metropol-Parks (eigene Aufnahmen)

Quellen:

Holm, Andrej (2010): Wir bleiben alle! Gentrifizierung – städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung. 1. Aufl. Münster: Unrast (Unrast transparent / Soziale Krise, Bd. 2).

http://de.wikipedia.org/wiki/Haus_am_K%C3%B6llnischen_Park#Geschichte

http://www.bpb.de/apuz/176307/gated-communities-und-andere-formen-abgegrenzten-wohnens?p=all

Hier geht’s zum zweiten Teil unserer Reihe!

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