„Timeout“ von der antagon TheaterAKTion

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Weiße Gestalten auf Stelzen tauchen aus dem Nichts auf, Zeter und Mordio schreiend und begleitet von der kleinen Band, die Teil des Bühnenbildes ist. Vor ihnen eine schwarze Kreatur, der stilisierte Sklaventreiber. Sie bahnen sich ihren Weg durch die Zuschauer*innen und führen einen irren Tanz auf, begleitet von immer schneller werdender Drum & Bass-Musik. Was folgt sind Bilder, eher Bildfolgen und Collagen mit wechselndem Personal.

NVA-Soldaten ermorden Gefangene, tun ihre Pflicht und treten wieder ab, ein Taucher inszeniert seinen Weg zum Meeresboden und die Reise geht durch die Jahrtausende und Epochen. Die Zeit ist dabei ein immer wiederkehrendes Motiv. Die Uhr mit wild kreiselndem Zeiger ist immer gut sichtbar in der Mitte des Ensembles positioniert. Etwa in der Mitte der gut 70 Minuten erscheint eine Mischung aus chinesischem Tonsoldaten und Konfuzius auf der Leinwand, die Reise geht nun auch als Videoprojektion weiter und lässt immer wieder traumartige Filmschnipsel einfliegen.

Am Ende tanzt das Establishment der Macht – eine Nonne mit wildem Kruzifix, ein überaus potenter Polizist, der wild den Schlagstock schwingt – zu irrem Geschrammel. Auch das deutsche Bundeshähnchen darf nicht fehlen. Kurz bevor es unerträglich wird, siegt der Protagonist des Guten, ein Kiwivogel mit übergroßer Irofrisuer, doch noch. Es folgt der Abspann, die Protagonist*innen befreien sich von der Zeit – Timeout.

Das Publikum ist nach diesem audiovisuellen Feuerwerk ähnlich erschöpft wie die Darsteller*innen und sucht Erfrischung an den umstehenden Cocktailständen. Was bleibt sind Erstaunen und eine Vielzahl an Eindrücken. In meinen Augen nicht das schlechteste Resultat, das sich Kunst wünschen kann. Manchmal reicht es auch einfach von Kunst beeindruckt zu sein. Vollständiges Verstehen ist dann zweitrangig. Und der Grundgedanke, die überbordende Wichtigkeit von Zeit in unserer Gesellschaft wurde  trotz, oder gerade wegen, fehlender Erklärungen überdeutlich. Vielleicht hat es ja den einen oder die andere zum Nachdenken angeregt. Sich diese 70 Minuten genommen zu haben, sind allemal ein Anfang.

Hinter diesem manchmal wirren, meist fantasievollen Auftritt steckt die antagon TheaterAKTion aus Frankfurt, die sich seit gut zwanzig Jahren in der ganzen Welt einen Namen gemacht hat und auf nahezu allen Kontinenten schon gespielt hat. Als freies Tanz- und Performance-Theater, so die Selbstbezeichnung, leben und arbeiten sie im Kollektiv und heben sich damit deutlich von der gewöhnlichen Theaterszene ab. Auch ihre Art Theater zu machen, ist so nicht im Mainstream zu finden, spielt sich doch alles ohne Worte ab. Ihr Ziel beschreiben sie darin, Theater zu den Menschen zu bringen, die Straße von einem öffentlichen in einen kulturellen Raum zu verwandeln.

Momentan sammeln sie Spenden für verschiedene Initiativen aus dem Frankfurter Raum, die sich in der Flüchtlingspolitik engagieren und die Zustände in Lagern dokumentieren. So werden Kunst und Politik verbunden und die Intention dieses besonderen Theaters deutlich.

Wer also Unterhaltung abseits von Stadt- und Staatstheatern sucht und keine stringente Geschichte erwartet, sollte dieser Theatergruppe mal einen Besuch abstatten und vielleicht auch eine Kleinigkeit spenden, der Eintritt ist nämlich kostenlos. Und schon Karl Valentin sagte: „Kunst ist schön! Macht aber auch viel Arbeit.“

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