“Der Nahostkonflikt bleibt indes der Preis für die jüdische Nationalstaatlichkeit” | The Zionist Israel – a review

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Der nachfolgende Text erschien zuerst 2013 auf dem Blog Al-Sharq. 
Für undogmatisch stellte der Autor eine leicht geänderte sowie englische 
Fassung zur Verfügung.
+++ For English Version see below. +++

In ihrem neuen Werk Das zionistische Israel – Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts setzt sich Autorin Tamar Amar-Dahl ideologiekritisch mit der Geschichte israelischer Sicherheitspolitik auseinander. Im Zentrum der Analyse steht die innere Verfasstheit und Entwicklung Israels – ein Fokus der zugleich Stärke und Schwäche des Buches ist. Eine Rezension von Sebastian Kunze 

Das zionistische Israel von Tamar Amar-Dahl liest sich streckenweise wie ein Polit-Thriller. So beschreibt Amar-Dahl unter anderem, wie Sicherheitspolitiker um den jetzigen Staatspräsidenten Shimon Peres in den 50er Jahren durch geheime Gespräche und Abkommen die nukleare Bewaffnung des Landes ermöglichten. Anhand einer Reihe ähnlicher Episoden untersucht Das zionistische Israel nicht nur den (ideen-)geschichtlichen Hintergrund der Staatsgründung Israels, sondern verknüpft die Geschichte des Zionismus mit den Konflikten, in die Israel verstrickt war und immer noch ist. Shimon Peres ist ein immer wiederkehrender Akteur.

Die Autorin gründet ihre Analyse auf im Vorwort klar definierte Leitfragen:

„Wie ist das zionistische Israel entstanden? Was bedeutet die dem israelischen Staat zu Grunde liegende zionistische Ideologie? Was bedeutet diese für die Umsetzung des Zionismus in einem de facto bi-nationalen Palästina? Welche politische Ordnung ist im Laufe der Jahre angesichts dieses Spannungsverhältnisses zwischen Staatsverständnis und demografischer bzw. geopolitischer Realität entstanden? Wie lassen sich die politische Kultur, das Verhältnis von Staat, Politik, Militär und Gesellschaft in Israel charakterisieren?“ (8)

Die Fragen erschließt Amar-Dahl in fünf Themenkomplexen, die als Ganzes eine umfassende Untersuchung bilden, im Einzelnen jedoch ausbaufähig bleiben.

Ideengeschichte und Polit-Thriller

Im ersten Teil ihres Werkes, ergründet Amar-Dahl Herkunft und Ideologie des Zionismus; eine Vorstellung die differenzierter hätte sein können. Die revisionistischen Zionisten zum Beispiel hat Amar-Dahl in ihrer Betrachtung vollkommen außer Acht gelassen. Stark hingegen ist ihre Analyse orientalisierender Diskurse der zionistischen Wegbereiter und in der israelischen Politik.

Im zweiten Schritt setzt sich Amar-Dahl mit dem israelischen Feindverständnis, der jüdischen Demokratie, der Bedeutung des Krieges in Israels Selbstverständnis und der Möglichkeit einer friedlichen Regelung der Konflikte auseinander. Die Autorin entwirft die Idee einer israelischen Ordnung und führt diese auf zwei grundlegende Mythen des Staates Israels zurück: den Begriff des Eretz Israel und die kollektive Leidensgeschichte.

Der Mythos von Eretz Israel definiert den Besitzanspruch auf (ganz) Israel als das Land der Juden. Eretz Israel (Hebr. ארץ ישראל) ist ein religiöser Terminus des Judentums, der in der hebräischen Bibel auftaucht und Abram und seinen Nachkommen das Land Gottes verspricht (vgl. Genesis 15,18f.). Da in der Schrift unterschiedliche Angaben zur Ausdehnung dieses Gebietes zu finden sind, existieren auch Maximalforderungen für ein Groß-Israel (Eretz Israel HaShlema), das auch Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon betreffen würde. Nach Meinung der Autorin, bedeute dieser religiös begründete Besitzanspruch auch, dass das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser Vertretern dieser These zufolge nicht anerkannt werden kann.

Der Sicherheitsmythos als Basis staatlicher Ordnung

Neben der Idee des von Gott versprochenen Landes, ist laut Amar-Dahl die Leidensgeschichte der Juden grundlegend für den Sicherheitsmythos Israels. Es sei die Auffassung entstanden, dass es unauflösliche feindliche Verhältnisse zwischen Juden und Nicht-Juden gäbe. Mit dem Sicherheitsmythos etablierte sich der Autorin zufolge auch eine Friedensideologie, die Israel als friedenswillig und die arabische Umgebung als widerspenstig darstelle. Amar-Dahl zufolge leitete dieses Wir-Gegen-Den-Rest-Denken nicht nur das Rechte politische Lager in Israel, sondern auch die sogenannten Linkszionisten. Entstanden sei ein Selbstbild, dass bipolar zu unterscheiden ermögliche: zwischen Guten und Bösen oder aber Friedenswilligen und Friedensunwilligen.

Wiederkehrendes Thema und zentrale These Amar-Dahls ist die Idee der Entpolitisierung des Konfliktes:

„In der Tat führen der Sicherheitsmythos und die Friedensideologie jeweils zu einem entpolitisierten Konfliktverständnis: Der Konflikt wird jenseits von dessen konkreter politischer bzw. historischer Entstehung begriffen und an einer gegen Juden als solche gerichteten Feindseligkeit festgemacht. […] Die Entpolitisierung des Konflikts ist die Konsequenz der beiden Gründungsmythen.“ (229)

Noch dramatischer fällt ihr Urteil zur Konsequenz der Entpolitisierung aus:

„Die Entpolitisierung des Konflikts führt unweigerlich zur Entpolitisierung des Friedens: Ein letztlich auf unerklärbarer Feindseligkeit basierendes Konfliktverständnis lässt wohl kaum echte Versöhnung zu.“ (229f.)

Ideologiekritik die provoziert

So ist das Das zionistische Israel auch eine Art Gegengeschichte. Es bricht häufig mit der offiziellen, israelischen Selbstdarstellung und betrachtet wenig beachtete Aspekte Israels und des Konflikts mit den Palästinensern und arabischen Nachbarn. Mit dem Konzept der Entpolitisierung bietet es einen interessanten Ansatz, der Perspektiven eröffnen und weitere Einblicke gewähren kann. Das neue Werk Amar-Dahls provoziert – und das soll es auch. Es ist keine Geschichte des Staates Israel mit den üblichen Zahlen und Akteuren, sondern eine ideologiekritische Arbeit über das Sicherheitsestablishment, seine Politik und deren Folgen.

Ohne Frage ist das Buch stellenweise auch problematisch. Die Autorin macht keinen Hehl aus ihrer eigenen politischen Position. So lässt sich zwischen den Zeilen durchaus gewisse Enttäuschung und womöglich Abneigung gegenüber Shimon Peres erkennen, über den Amar-Dahl bereits eine kritische politische Biografie verfasst hat. Auch bleiben Teilaspekte ausgespart, so unter anderem der Antisemitismus Nassers oder die eigenen politischen Aspirationen der arabischen Nachbarstaaten.

Allerdings kann und soll das Buch nicht ausgeglichen sein und andere arabische Staaten und die PLO betrachten, denn das ist nicht der Fokus der Arbeit und sollte in vergleichbaren Büchern über Ägypten, Syrien, Jordanien oder die palästinensischen Gebiete behandelt werden, um die entsprechenden ideologischen Hintergründe und mögliche okzidentalisierende Diskurse zu beschreiben.

Das zionistische Israel kann also auf unterschiedliche Weise gelesen werden. Erstens als eine alternative Geschichte des zionistischen Projektes und des israelisch-palästinensischen sowie israelisch-arabischen Konfliktes. Zweitens als eine Geschichte der politischen Karriere Shimon Peres im Kontext israelischer Sicherheitspolitik. Drittens kann das Buch unter militärhistorischem Blick gelesen werden, da einerseits die Konflikte, in die Israel involviert war, andererseits die militärische Entwicklung des Landes thematisiert werden. Viertens kann das Buch als Tamar Amar-Dahls Interpretation der zionistischen und israelischen Geschichte gelesen werden und fünftens ermöglicht es als Rückblick auf die Geschichte des Staates Israel gleichzeitig einen optimistischen Blick in die Zukunft.

Insgesamt ist Tamar Amar-Dahls Werk trotz problematischer Stellen sehr interessant und lesenswert. Für wissenschaftlich Interessierte bietet es die Möglichkeit, neue Perspektiven zu erkunden und sich auf neue Fragestellungen einzulassen. Kritiker Israels mögen das Buch als Bestätigung ihrer Annahmen lesen – obgleich das wohl kaum die Intention der Autorin ist – doch auch sogenannte ‚Freunde Israels’ werden hier Interessantes finden. Für all jene, die sich mit Israel oder der Geschichte des Zionismus beschäftigen, ist das Buch allemal eine lohnende Lektüre.

Literatur

Tamar Amar-Dahl: Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 2012.
Tamar Amar-Dahl: Shimon Peres. Friedenspolitiker und Nationalist. Paderborn, 2010.

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+++ English Version +++

Das zionistische Israel (The Zionist Israel) is a remarkable book; Tamar Amar-Dahl presents a counter-history. She writes about the history of the Zionist idea and the implementation of the State of Israel. She connects the multiple conflicts Israel was entangled in with this history.
It is a provocative book and it will provoke! It is more than facts about the history and the socio-economic situation of Israel. She argues for a special Israeli order. The book shall proof itself on its own approaches. The outlining questions are: In what way was the Zionist Israel established? What does the Zionist ideology mean, which is the foundation of the State of Israel? How can one characterize the political culture and the relationship between state, politics, military and society? (P.8)
Does Tamar Amar-Dahl reach her aims to deal with these questions? The answer is definitely yes! Nevertheless, single chapters could have been in greater detail. Let’s take her introduction into Zionism (Chapter 1) as an example: She missed to deal with the revisionist wing of Zionism, which would have been important, because the main theorist of revisionist Zionism Vladimir Jabotinski is spiritus rector of the Cherut Party, which later became LIKUD. Otherwise, she shows a wide range of theorist and critics of Zionism. She is pushing topics forward, which are also underrepresented in the mainstream, such as oriental discourses in Zionist theory and in Israeli politics.
For Amar-Dahl, the Israeli order was founded by two founding myths of the State of Israel. It is the myth of Eretz Israel, which means the claim of possessing Eretz Israel as the Land of the Jews. Eretz Israel (Hebr. ישראל ארץ) is a religious term of Jewry and means the land promised by God in Genesis 15,18f. These religiously founded claims on possession of the land, means, following Amar-Dahl, that there is no right to self-determination of the Palestinian people.
For Amar-Dahl, the myth of security bases on the suffering of the Jewish people. The result of this experience is that a perception of irreconcilable differences between Jews and non-Jews was introduced. By establishing the myth of security it was founded an ideology of peace on the same basis. Therefore, a self-image of peace willing Israel and peace unwilling Arab states could be established at the same time by transferring the image into the political situation of the Middle East and its conflicts. This kind of we-against-the-rest way of thinking, allows one to separate between good and evil, as well.

The most interesting aspect of the book is the idea of de-politicizing the conflict, which Amar-Dahl describes repeatedly. She sums up shortly in the last chapter:

„In fact, the Myth of Security and the Ideology of Peace one-to-one let to a de-politicized nuanced understanding: The conflict will be understood beyond its concrete political or historical development and as against Jews as such addressed hostility. […] The de-politicization of the conflict is the consequence of the two founding myths.” (P. 229, own Translation)[1]

Even more dramatically is her judgement about the consequences of the process of de-politicizing:

“The de-politicization of the conflict will inevitably lead to de-politicization of the peace: an ultimately understanding of conflict based on unexplained hostility would hardly nuanced understanding to true reconciliation” (P. 229f., own Translation)[2]

Therefore, Tamar Amar-Dahl’s book is a counter-history. It crosses the official history and enlightens not seen sides of Israel and its conflicts with the Arab neighbours and the Palestinians.
The Zionist Israel can be read in different ways. Firstly, one can read it as an alternative history to the Zionist project and the Israeli-Palestinian-Conflict as well as to the Israeli-Arab-Conflict. Secondly, one can read the book as a history of the political carrier of Shimon Peres with a focus on security politics. Thirdly, one can read it from a military-historical point of view, because the conflicts in which Israel has been involved as well as his own military development are topics of Amar-Dahl’s book. Fourthly, the book is Amar-Dahl’s own interpretation of Zionist and Israeli history. Lastly, it provides an opportunity to look back at the history of the State of Israel and at the same time to realize with this an optimistic view to the future.

Overall, it is a very interesting book and it is worth to read! Of course, the book contains problematic passages, but it asks the right questions. It offers us the opportunity to explore new perspectives and it delivers some interesting answers. I recommend this book to everyone who is either researching or just interested in the field of Israel Studies or the study of Zionism. It is worth it.

Notes

[1] “In der Tat führen der Sicherheitsmythos und die Friedensideologie jeweils zu einem entpolitisierten Konfliktverständnis: Der Konflikt wird jenseits von dessen konkreter politischer bzw. historischer Entstehung begriffen und an einer gegen Juden als solche gerichteten Feindseligkeit festgemacht. […] Die Entpolitisierung des Konflikts ist die Konsequenz der beiden Gründungsmythen.“ (P. 229)

[2] „Die Entpolitisierung des Konflikts führt unweigerlich zur Entpolitisierung des Friedens: Ein letztlich auf unerklärbarer Feindseligkeit basierendes Konfliktverständ-nis lässt wohl kaum echte Versöhnung zu.“ (P. 229f.)

3 KOMMENTARE

  1. Die Rezension hat Lust auf mehr gemacht. Ich habe das Buch noch nicht gelesen, werde es aber definitiv noch tun.
    Gibt es jetzt regelmäßiger Rezensionen?

    • Hallo Fränk,
      wir versuchen regelmäßig verschiedene Kategorien zu bedienen. Momentan sind wir aktiv auf der Suche nach Autoren, die gerne das Ein oder Andere hier veröffentlichen wollen. Wir werden auch veruschen Rezensionen zu aquirieren.
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      Viele Grüße, Jan und Karl.

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