Zum Begriff Politische Korrektheit

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Auch keine Lust mehr auf politisch korrekte Gutmenschen, die mit Denk- und Redeverboten die Meinungsfreiheit zerstören? Dann bist du hier falsch! Wieso, weshalb, warum? Deshalb!

Vielerorts ist momentan die Rede von politischer Korrektheit (bzw. political correctness, im Folgenden PC) und politisch nicht korrektem Verhalten. So taucht in der aktuellen ZEIT (22/14) ein Artikel von Josef Joffe auf, der die Abschlussreden für Universitäts-Absolvent*innen zum Gegenstand hat. Dort werden die jüngsten Absagen von Festredner*innen besprochen, die sich nach zum Teil massiver Kritik zurückgezogen haben. Die Kritik traf dabei Condoleezza Rice, Christine Lagarde (bzw. den IWF und seine Politik) sowie Ayaan Hirsi Ali, die aufgrund von „antiislamischen Statements“ Ziel der Angriffe wurde. Nach Meinung des Autors liegt diese Absageflut an einem unerträglichen Maß an ‚politcal correctness‘, welches es unmöglich mache, umstrittene Themen anzusprechen, ohne der Tyrannei der Minderheit [1] geopfert zu werden. Immer öfter höre ich aber auch in meinem privaten Umfeld, zumeist mit leicht neckischem Unterton, dass das jetzt zwar politisch nicht korrekt sei, aber… Dabei scheint es nicht allzu sehr auf die eigene Verortung im politischen Spektrum anzukommen.

Zwar heißt die größte rechtspopulistische Seite des deutschsprachigen Raums PI News – politically incorrect. Aber auch in linkeren Kreisen scheint politisch unkorrekt zu sein in Mode zu kommen. Verbunden mit dieser Vokabel sind oftmals hitzige Diskussionen über vermeintliche und echte Redeverbote und bedrohte Freiheiten. „Am Begriff der politischen Korrektheit wird die Frage, wie wir leben wollen, mit neuer Schärfe und unbedingter Bereitschaft zur Feindschaft durchgefochten“ schreibt die ZEIT (36/12)  treffend. Der Begriff, der sich erst Anfang der 90er etabliert hat, hat also eine erstaunliche Karriere genommen und dominiert momentan den Mainstream, sei es bei Diskussionen um Buchveröffentlichungen, geänderten Kinderbüchern oder im privaten Gespräch.

Aus diesem Grund möchte ich eine grundlegende Kritik am Begriff der Politischen Korrektheit (bzw. Political Correctness) äußern, da ich der Auffassung bin, dass der Begriff PC auf mehreren Ebenen gefährlich ist. Um eines zu verdeutlichen: Mir geht es in diesem Essay nicht darum, über die (Un)Sinnhaftigkeit bestimmter Debatten zu Redefreiheit und Zensur nachzudenken. Das wäre eine Arbeit für sich. Es geht mir nur um den Begriff und seine Verwendung, da ich glaube dass eine grundlegende Auseinandersetzung nötig ist, um Entwicklungen und Gefahren verstehen zu können. Diese Problematisierung möchte ich auf zwei Ebenen führen. Erstens gehe ich der Entstehung des Begriffs sowie der semantischen Umdeutung nach. In einem zweiten Schritt spreche ich über die Funktion, die PC durch diese Umdeutung erfüllen kann.

Auf der ersten Ebene halte ich das Reden von ‚politisch nicht korrektem‘ Verhalten oder Reden für einen verdeckten Angriff auf progressive Bestrebungen. Was meine ich damit? Es wird deutlicher, wenn wir kurz schauen wo der Begriff eigentlich her kommt. Er stammt aus den USA und war dort Mitte der 80er eine Wortschöpfung studentischer Gruppen an der University of California, die die Einbeziehung weiblicher und nicht-europäischer Autor*innen forderten.

PC war dabei als eindeutig positiv besetzter Begriff gedacht, der sich vor allem gegen sprachliche Diskriminierung richtete. Schnell wurde er jedoch von konservativen Kreisen (Neocons) adaptiert, pejorativ umgedeutet und so als Strategie bzw. Kampfbegriff gegen die politischen Gegner*innen eingesetzt. Der Begriff wurde dabei vollständig seiner ursprünglichen Inhalte beraubt und mit neuen Vorstellungen belegt. So wurde durch bewusste Übertreibungen und Auslassungen der Begriff PC, der sich mit einem realen Problem befasst, zum Mythos PC, der untrennbar mit Denkverboten und Zensur belegt ist. Nach dieser Mystifizierung von PC diente er als hervorragende Waffe gegen (im US-amerikanischen Sinne [2]) liberale Antidiskriminierungs-strategien, die nun von ihren politischen Gegner*innen unter dem Label PC abgetan werden bzw. sogar als freiheitsberaubend dargestellt werden konnten.

Diese Entwicklung gilt auch für Deutschland. Hier wurde der Begriff zuerst über Medien wie die SZ (1991), den SPIEGEL (1993) oder die ZEIT (1993) in die Debatte eingeführt. Die Stoßrichtung wurde dabei schnell klar; sprach Matthias Matussek doch bereits in einem der ersten deutschsprachigen Artikel von „[den] politisch Korrekten, eine[r] Sprach- und Denkpolizei radikaler Minderheiten, [die] […]Vorlesungsverzeichnisse oder Feuilletons [kontrollieren]“ (Der Spiegel 15/93). Seitdem hat der Begriff PC in seiner pejorativen Auslegung Eingang in diverse Publikationen, Reden und Artikel gefunden. Besonders hervorstechend ist hier sicherlich die 2004 gegründete rechtspopulistische und islamophobe Internetseite PI-News, aber auch Joachim Gaucks partielle Verteidigung von Thilo Sarrazins Hetzschrift ‚Deutschland schafft sich ab‘ mit den Worten, dass „ihre Sprache [der Politiker*innen, Anm. d. A.) der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen“. Auch ein Blick in die Kommentarspalten der Internetlandschaft ist sehr aussagekräftig.

Ohne jegliche Mühe sind Kommentare zu finden, die sich über PC beschweren, ganz gleich wie sinnvoll eine Sache auch sein mag. Als Beispiel muss wieder die ZEIT dienen, diesmal allerdings die Onlineausgabe. Dort erschien am 21. Juni ein Artikel zu Inklusion von Kindern mit Downsyndrom in gewöhnliche Schulen. Eigentlich ein ehrenwertes Unterfangen, eventuell auch ein streitbares Anliegen. Dennoch stehen nicht Inhalte im Mittelpunkt der Kommentare, sondern Aussagen wie „Gleichmacherei entspringt der „modernen“ Philosophie des Political Correctness“ und die dazugehörigen Leserempfehlungen scheinen eine breite Zustimmung unter der Leser*innenschaft zu zeigen. Diese Beispiele zeigen die Entwicklung und den Wirkmechanismus: Versuche, die darauf abzielen, Diskriminierung abzubauen oder auch nur darauf sichtbar zu machen, werden nicht mehr als im Grunde positive Aktion wahrgenommen. Unabhängig vom tatsächlichen Inhalt, Sinn oder Unsinn einzelner Aktionen, werden sie per se als ‚Getue von Gutmenschen‘kategorisiert und diffamiert.

Über eine zweite Ebene, die mir als deutlich problematischer erscheint, werden über die Vokabel ‚politisch korrekt‘ diskriminierende Sachverhalte verharmlost. Wenn Sarrazin, Pirinçci und Co. über „Kopftuchmädchen“ oder „den irren Kult um Schwule, Frauen und Migranten“ fabulieren, ist das schlicht Hass auf alle und alles, was nicht in ihr Weltbild (welches scheinbar irgendwo in den 50ern hängen geblieben ist) passt. Inszeniert wird dieser Hass aber als Tabubruch, als Eintreten für die vermeintlich bedrohte Redefreiheit- und  gegen politische Korrektheit. Es wird ein Sachverhalt konstruiert, der immer wieder nach dem gleichen Plan abläuft. Auf der einen Seite hysterische ‚Gutmenschen‘, die den rational Denkenden und wohl Kalkulierenden, der auf Missstände hinweist, in seiner Rede- und Denkfreiheit beschneiden wollen. Auf der anderen Seite eben jener (‚verfolgte‘) Denker (zunehmend übrigens auch Denkerinnen, wie Birgit Kelle oder Eva Herman), der bzw. die sich als rationale Stimme hochstilisiert, die zwar politisch nicht korrekten, vom ‚Volk‘ gefühlten ‚Wahrheiten‘ ausspricht. Genau an diesem Punkt macht sich das Reden von ‚politisch (un)korrekt‘ hervorragend, da der Diskurs jetzt so verläuft: Es geht nicht mehr darum, ob eine ‚Wahrheit‘ rassistisch, sexistisch etc. ist. Es geht darum, dass ein Tabu gebrochen wurde oder, und das erscheint mir als noch wichtiger, dass sich gegen Überregulierung durch realitätsferne Bürokrat*innen und abgehobene linke Spinner aufgelehnt wurde. Diese Erzählung des doppelten Aufbegehrens gegen vermeintliche Tabus und Überregulierung ist deshalb so wirkungsvoll, da sie in einem permanentem Krisenkontext erzählt wird. Die Krise (des Euros, der Wirtschaft etc.), die sich seit 2008 verstetigt hat, führt zu einer Wahrnehmung der Schlechterstellung gegenüber einem nicht genauer definiertem Früher [3]. Zumutungen wie Hartz IV tun ihr Übriges. Die Folge daraus zeigt sich nun in zweifacher Form, nämlich zum Einen in einer Abwehrhaltung gegenüber Institutionen wie der EU [4] oder Gruppen wie links der Mitte positionierten Journalist*innen, die sich selbst Deutungshoheit zusprechen[5].

Zum Anderen in der Suche nach Sündenböcken, wie die Debatte zu sogenannter Armutszuwanderung in geradezu lehrbuchhafter Manier gezeigt hat. Anti-PC, also die Gegnerschaft zu PC, ist dabei zur Chiffre geworden, zu einem Code, der zwei Zwecke erfüllt: als Scharnier und als Tarnung. Die Scharnierfunktion erfüllt Anti-PC, da eine generelle Frustration über die eigene Situation mit der Aggression gegenüber sich höher positionierende Gruppen und Institutionen verbunden werden kann. Die Tarnfunktion wiederum kann Anti-PC spielen, da Angriffe auf Sündenböcke, als bloßen Angriff auf PC getarnt werden. Eine andere Spielart dieser Tabubruch-Erzählung funktioniert über den Freiheitsbegriff und tarnt sich als Kampf für die Freiheit. Freiheit wird in diesem Fall als ‚Freiheit zu etwas‘ verstanden, nämlich der Freiheit sagen zu können was man will.

Damit schlägt man auch wieder den Bogen zum ersten Punkt, der Abwehr der ‚Gutmenschen‘, die einem das freie Denken verbieten wollen. Dass das Reden von Freiheit zur hohlen Phrase wird, die verdeckt, dass ein negativer Freiheitsbegriff, also z. B. die Freiheit von Diskriminierung, hier nicht mitgedacht wird bzw. explizit ausgeschlossen wird, bleibt dabei unberücksichtigt. Wie gut der Code ‚Anti-PC‘ tarnt zeigt die weit verbreitete Verwendung; die Arglosigkeit mit der er genutzt wird. ‚Politisch unkorrekt‘ ist also keine unschuldige Bezeichnung für ein (spielerisches) Aufbegehren gegen allzu enge Normen oder Redeverbote, sondern reiht sich ein in Sätze wie ‚Das wird man ja wohl noch sagen dürfen‘ oder ‚Ich bin ja kein …, aber!’ Diese Sätze bergen immer die Gefahr von Verharmlosung und Relativierung von Sachverhalten in sich, die ihrem Wesen nach eigentlich beleidigend oder sogar menschenverachtend sind. Ich sehe die Gefahr vor allem darin, dass ‚politically incorrect‘ bereits weit verbreitet ist und die oben angeführte Doppelfunktion so problemlos spielt, dass es auch kritischeren Menschen scheinbar kaum auffällt. Daraus erwächst die Gefahr, dass Rechte über den kulturellen Code[6] PC bzw. Anti-PC sofort die oben beschriebenen Muster in der Bevölkerung abrufen können und so wiederum in der Lage sind emanzipatorische Inhalte ohne inhaltliche Diskussion abzuschmettern. Gleichzeitig können eigene (rechte, antimoderne) Diskurse als Tabubruch und positiv konnotiertes Anti-PC geframed werden und so ebenfalls einer inhaltlichen Debatte aus dem Weg gehen.

Es wäre an der Zeit, diese semantische Verkehrung rückgängig zu machen. Falls das nicht möglich ist (was ich befürchte), muss der Begriff PC aufgegeben werden und durch andere, möglicherweise weniger paternalistische Konzepte ersetzt werden. Ob und wie das möglich ist, ist jedoch Gegenstand eines anderen Textes.

Anmerkungen

[1] Gemeint ist hier das Verhalten, das auch die Tea Party in den USA zeigt – eine relativ kleine Gruppe nutzt ihre strategisch gute Positionierung innerhalb der Gesellschaft, um ihre Ansichten gegen die Mehrheit der Gesellschaft durchzusetzen und, um beim Beispiel zu bleiben, den US-Senat zu lähmen, obwohl die Tea Party eigentlich nur eine kleine Gruppe innerhalb der Republikaner*innen ist.

[2] Die Unterscheidung hier ist, dass liberals in den USA etwas völlig anderes sind als Liberale in Europa. Als Liberals werden Linke/Grüne (im europäischen Sinn) bezeichnet. Liberale im europäischen Sinn (also etwa die FDP), sind eher als libertarians zu bezeichnen.

[3] An dieser Stelle sei gesagt, dass die Lücke zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Krise hier nicht beachtet werden kann, sondern eher Ausgangspunkt für einen eigenen Text wäre.

[4] Die vergangenen Europawahlen zeigen das, anhand der Zuwächse für europaskeptische/europafeindliche Parteien.

[5] Auch die Grünen sind hier dazuzurechnen, der Anteil des ‚Veggie-Tages‘ bzw. das generelle Image als ‚Zeigefinger-Partei‘ am schlechten Wahlergebnis bei der letzten Bundestagswahl sollte nicht unterschätzt werden.

[6] Die Idee vom Code ‚Anti-PC‘ ist dabei klar inspiriert vom Konzept des Antisemitismus als kulturellen Code von Shulamit Volkov.

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